Ein Ort, an dem Kunst lebendig wird

Ein Besuch im ArtOutlet- Die Dauern(d) Ausstellung in Visselhövede

Es gibt Orte, die sieht man sich an. Und es gibt Orte, die bleiben einem noch eine Weile im Kopf. Das ArtOutlet in Visselhövede, gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Schon die Anfahrt ist für mich Teil der Geschichte. Gemeinsam mit meinem Mann mache ich mich mit den Motorrädern von Klein Meckelsen auf den Weg nach Visselhövede. Die Route führt uns über Scheeßel und Brockel – eine wunderschöne Strecke bei bestem Wetter. Immer wieder verschwindet die Straße für Kilometer zwischen Wiesen und Wäldern. Das Motorrad, die Landschaft, der Fahrtwind und dieses Gefühl, einfach unterwegs zu sein. Und dann liegt plötzlich Visselhövede vor uns – und mit dem ArtOutlet- Die Dauern(d) Ausstellung, wartet ein ganz anderer, ebenso besonderer Ort auf uns.

Ich bin mit der Erwartung hingefahren, einen besonderen Ort für Kunst kennenzulernen. Was mich dort erwartet, ist allerdings mehr als eine Ausstellung. Es ist ein Rundgang durch Ateliers, Geschichten und ganz unterschiedliche Lebenswege. Auf drei Etagen und 1.800 Quadratmetern, arbeiten derzeit rund 50 Kunstschaffende aus den unterschiedlichsten Genres – und fast hinter jeder Tür wartet eine neue Überraschung darauf, entdeckt zu werden.

Durch die Räume führt mich Willi Reichert. Er kennt das Haus, seine Geschichte und die Menschen, die hier arbeiten, wie kaum ein anderer. Man merkt schnell: Das ArtOutlet ist kein zufällig entstandener Ort. Dahinter stecken eine klare Idee, viel Arbeit, Organisation und vor allem Menschen, die ihn mit Leben füllen.   

Eine davon ist die Künstlerin Claudia Acksteiner, die seit 2018 selbst im ArtOutlet an ihrer Kunst arbeitet und heute gemeinsam mit Reichert Ausstellungen und Projekte weiterentwickelt.

                  Von der Kaserne zum ArtOutlet


Die Geschichte dieses besonderen Ortes, beginnt 2016. Zuvor war in der ehemaligen Kaserne eine Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Nachdem diese im Januar 2016 aufgelöst worden war, entstand die Idee, die frei gewordenen Räume mit Kunst zu füllen. Der Eigentümer des ehemaligen Kasernengebäudes, Herr Behrens aus Scheeßel, sprach Willi Reichert darauf an: „Mach mir hier Kunst rein.“

Aus ersten Malern, Bildern und Musikern entwickelte sich Schritt für Schritt das heutige ArtOutlet.

Und heute? Heute ist das Haus voller Leben.

Willi Reichert selbst bezeichnet sich nicht unbedingt als Künstler. „Ich bin ein Macher“, sagt er.

Und während wir durch die Räume gehen, denke ich: Das passt. Denn hinter dem ArtOutlet steckt eine Menge Organisation. Unterschiedliche Künstler, Bands, Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen unter ein Dach zu bringen, braucht mehr als eine gute Idee. Reichert hat diese Idee konsequent weiterentwickelt.

Sein Kunstbegriff ist dabei ungewöhnlich offen. Für ihn kann Kunst vieles sein. Was vorher nicht da war und durch einen Menschen entsteht, kann Kunst sein. Wer Künstler ist, müsse letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Und genau diese Haltung spürt man in den Räumen. Hier muss niemand in eine bestimmte Schublade passen. Kunst muss nicht nur verkauft werden.

Besonders beeindruckt mich, wie selbstverständlich im ArtOutlet ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Schüler der Eichenschule gehören dazu, ebenso Menschen aus der Lebenshilfe und den Rotenburger Werken. Für Reichert ist es wichtig, dass Kunst nicht immer mit der Frage verbunden ist, ob sich ein Bild verkaufen lässt. Manche Menschen malen einfach, weil sie etwas ausdrücken möchten. Andere, weil ihnen das kreative Arbeiten guttut.

Reichert erzählt auch von seiner eigenen Erfahrung aus der Arbeit im therapeutischen und psychiatrischen Bereich. Dort hat er erlebt, welche Möglichkeiten Kunst eröffnen kann, wenn Worte nicht mehr ausreichen. Kunst kann ein Weg sein, mit anderen Menschen und mit sich selbst wieder in Verbindung zu kommen. Vielleicht erklärt das einen Teil der besonderen Atmosphäre des Hauses.

Ein Haus voller Geschichten

Während unseres Rundgangs stoße ich immer wieder auf Dinge, die weit über die eigentliche Kunst hinausgehen.

In einem Raum hat Reichert gesammelt, was über die Jahre im Haus geblieben ist oder ihm von Künstlerkollegen überlassen wurde. Er bezeichnet diesen Raum als eine Art „Wunderkabinett“. Dort stehen Gegenstände aus der Bundeswehrzeit neben Erinnerungsstücken und Arbeiten von Künstlern.

Ich mag diesen Gedanken. Denn auch das ArtOutlet selbst ist inzwischen ein Stück Geschichte. Die ehemalige Kaserne ist nicht einfach verschwunden. Ihre Vergangenheit ist noch da – und gleichzeitig ist etwas völlig Neues daraus entstanden.

Kunst trifft Musik

Das ArtOutlet ist nicht nur ein Ort für bildende Kunst. Auch Musikerinnen und Musiker haben hier ihre Räume.

Nach Reicherts Angaben sind derzeit rund acht Bands im Haus, einige davon teilen sich Räume. Dass das funktioniert, obwohl Proben natürlich mit Lautstärke verbunden sein können, führt er vor allem auf den gegenseitigen Respekt der Nutzer zurück.

Bei unserem Rundgang ist von der Musik allerdings nichts zu hören. Wir treffen keine probende Band und erleben auch kein Konzert. Trotzdem wird schnell deutlich, dass Musik genauso zur Geschichte des Hauses gehört, wie die vielen Ateliers und Ausstellungsräume. Und genau diese Mischung macht das ArtOutlet aus.

Immer wieder eine neue Tür

Während wir durch das Gebäude gehen, habe ich zunehmend das Gefühl, dass hinter jeder Tür eine andere Geschichte steckt.

Da sind die Ateliers, in denen Künstler arbeiten oder ihre Werke präsentieren. Es gibt Räume, die gemeinsam genutzt werden, andere dienen ausschließlich als Ausstellungsfläche. Manche Künstler sind regelmäßig hier, andere kommen nur zu bestimmten Anlässen.

Willi Reichert erzählt, zeigt und erklärt. Man merkt ihm an, dass er diesen Ort kennt – nicht nur seine Räume, sondern auch die Geschichten, die sich darin angesammelt haben. Und dann stehen wir plötzlich und irgendwie doch gar nicht so plötzlich vor einem Raum, der mich besonders neugierig macht.

Claudia Acksteiner nennt ihn ihren „Traumraum“.

Dann wird es dunkel

Ich weiß zunächst nicht genau, was mich erwartet. Claudia erklärt mir, dass sie mit phosphoreszierenden Farben arbeitet. Farben, die unter Schwarzlicht leuchten und das Licht speichern.

Dann geht das Licht aus. Und plötzlich verändert sich der Raum. Die Bilder beginnen zu leuchten. Farben und Formen treten hervor, die im normalen Licht eine ganz andere Wirkung haben. Es ist, als würde eine zweite Ebene der Bilder sichtbar. Dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe:

Das Schwarzlicht geht wieder aus – und die Bilder leuchten weiter. Langsam verändert sich das Bild vor meinen Augen. Einige Farben werden schwächer, andere bleiben intensiv. Blaue und grüne Pigmente leuchten besonders stark. Manche Werke leuchten noch über Stunden nach. Ich stehe dort und merke, dass ich tatsächlich zur Ruhe komme. Claudia nennt diesen Raum einen „Safe Place“, einen kleinen Ort des Eskapismus für die Seele. 

Und ich verstehe sofort, was sie meint. Es ist nicht einfach nur ein Raum mit leuchtenden Bildern.

Es ist ein Raum, in dem man für einen Moment nichts tun muss. Nur schauen. Die Farben beobachten. Und wahrnehmen, wie sich die Bilder verändern. Ich finde diesen Moment bei unserem Rundgang besonders schön, weil er zeigt, wie unterschiedlich Kunst sein kann. Man muss ein Bild nicht nur betrachten. Man kann es erleben.Das ist Kunst, die man nicht nur anschaut. Man erlebt sie.

Von der Idee zum eigenen Weg

Claudias Traumraum ist dabei nicht einfach irgendwann entstanden.

2019 begann sie, mit phosphoreszierenden Farben zu experimentieren. Drei Jahre lang beschäftigte sie sich damit, wie sich die Pigmente mit unterschiedlichen Farben kombinieren lassen. Aus dieser Experimentierfreude entstand schließlich der Raum, den wir heute betreten.

Inzwischen gibt Claudia ihre Begeisterung auch an Kinder weiter. In ihren Workshops können sie mit den besonderen Farben eigene „Zauberlichter“ gestalten.

Auch darin zeigt sich wieder etwas, das sich durch das gesamte ArtOutlet zieht: Eine Idee darf hier weiterwachsen.

Zwei Menschen, die diesen Ort prägen

Je länger unser Gespräch dauert, desto deutlicher wird mir, wie viel persönliche Geschichte in diesem Haus steckt.

Willi Reichert hat das ArtOutlet seit seinen Anfängen geprägt. Sein Weg zur Kunst war alles andere als geradlinig. Er lernte zunächst Automechaniker, schulte später zum Erzieher um und arbeitete schließlich im therapeutischen Bereich beziehungsweise in der Psychiatrie. Dort erlebte er, welche Kraft Kunst haben kann, um Menschen wieder miteinander in Verbindung zu bringen.

Heute macht er vor allem Kunst, die ihm selbst gefällt. Er hat bereits in verschiedenen Städten und auch international ausgestellt, sagt aber inzwischen sehr klar, dass er sich nicht vom Kunstmarkt abhängig machen möchte.

Claudia Acksteiner kam 2018 als Mieterin ins ArtOutlet. Inzwischen ist sie freischaffende Künstlerin und hat sich hier ein eigenes berufliches Standbein aufgebaut. Sie gibt Workshops, entwickelt neue Projekte und ist gemeinsam mit Reichert in die Organisation von Ausstellungen eingebunden.

Was mir bei unserem Besuch auffällt: Beide haben ihren ganz eigenen Zugang zur Kunst. Und trotzdem funktioniert das gemeinsame Weiterentwickeln dieses besonderen Ortes.


 Kunst darf unbequem sein

Willi Reichert hat eine klare Meinung darüber, was Kunst darf. Sie muss nicht einfach schön sein. Sie darf Fragen stellen. Sie darf provozieren. Sie darf politische Themen aufgreifen. Und sie darf einen Menschen sogar ärgern.

Gerade politische Kunst werde schwieriger, sagt Reichert. Künstler würden sich zunehmend fragen, was sie öffentlich noch zeigen oder sagen können. Die innere Schere werde größer.

Sein Maßstab für ein gutes Kunstwerk ist deshalb nicht unbedingt Schönheit.

Es soll etwas auslösen.

Es darf im Kopf bleiben.

Es darf beschäftigen.

Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Eigenschaften des ArtOutlets: Hier bekommt Kunst die Freiheit, unterschiedlich zu sein.

Eine zweite Chance für Kunst

Das zeigt auch eine besondere Ausstellungsidee, von der Willi Reichert erzählt. Eine Jury hatte für eine Ausstellung Werke ausgewählt, andere Arbeiten wurden nicht genommen. Reichert fand es schade, dass diese Werke damit einfach wieder verschwinden sollten.

Also gab er ihnen im ArtOutlet einen eigenen Raum. Eine zweite Chance, gesehen zu werden.

Die Idee erinnert an den historischen „Salon des Refusés“. Dabei möchte Reichert die Juryentscheidung nicht grundsätzlich infrage stellen. Manchmal ist schlicht nicht genügend Platz für alle Werke vorhanden. Für die Künstlerinnen und Künstler, kann eine solche Ablehnung trotzdem schwer sein.

Im ArtOutlet dürfen auch diese Werke gesehen werden.

Und vielleicht ist genau das ein schönes Bild für den gesamten Ort:

Hier muss nicht alles sofort passen.

Hier darf etwas wachsen.

Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte


Als ich das ArtOutlet wieder verlasse, habe ich nicht das Gefühl, gerade einfach eine Ausstellung besucht zu haben. Ich habe Menschen kennengelernt.

Willi Reichert, der aus einer ehemaligen Kaserne einen Ort für Kunst und Begegnung entwickelt hat.

Claudia Acksteiner, die hier ihren eigenen Weg als Künstlerin gefunden hat und mit dem „Traumraum“ einen Ort geschaffen hat, an dem Kunst plötzlich leuchtet und sich verändert.

Und ich habe einen Ort kennengelernt, an dem sehr unterschiedliche Menschen etwas miteinander teilen: den Raum, etwas Eigenes zu machen. Vielleicht ist das auch das, was regionale Geschichten so wertvoll macht.

Nicht nur zu zeigen, was es irgendwo gibt.

Sondern die Menschen dahinter sichtbar zu machen.

Zu erfahren, warum sie etwas tun.

Was sie antreibt.

Was sie aufgebaut haben.

Und was daraus für andere entstehen kann.

Meine Rückfahrt

Als ich später wieder auf meine BMW steige, nehme ich nicht nur die Eindrücke aus dem ArtOutlet mit. Auch die Rückfahrt durch die Landschaft fühlt sich ein bisschen anders an.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz solcher Entdeckungen vor der eigenen Haustür: Man muss nicht weit fahren, um etwas Besonderes zu erleben.

Manchmal reicht eine schöne Straße durch Wiesen und Wälder, ein Ziel, das man noch nicht kennt, und Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben.

Von Klein Meckelsen über Scheeßel und Brockel nach Visselhövede – und am Ende mit ein paar neuen Geschichten im Gepäck wieder nach Hause.

Menschen. Geschichten. Heimat.

„Seh la vie“


Am 29. und 30. August steht im ArtOutlet, die Ausstellung „ArtOutlet – Seh la vie“ an.

Für mich ist das ein guter Anlass, diesen besonderen Ort weiterzuempfehlen.

Nicht nur wegen der Kunst.

Sondern wegen der Geschichten, die dahinterstecken.

Und vielleicht lohnt es sich, bei einem Besuch nicht einfach nur durch die Räume zu gehen, sondern sich Zeit zu nehmen.

Für ein Gespräch.

Für ein Bild.

Für einen Moment im Traumraum.

Oder einfach für die Frage:

Was passiert eigentlich, wenn Menschen den Mut haben, ihre eigenen Ideen umzusetzen?

Im ArtOutlet- Die Dauer (nd)Ausstellung in Visselhövede, kann man darauf einige Antworten finden.

Und manchmal beginnt eine Geschichte genau dort, wo jemand eine Tür öffnet und sagt:

Komm rein. Schau dich um.

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