Schäferei Moorhallig

Schäferei Moorhallig

"Wir wollen den Menschen die Schafhaltung und das wunderbare Produkt Wolle wieder näherbringen."

Zwischen Wolle, Weide und neuen Ideen

„Komm, ich zeig dir mal was.“ Viel mehr Begrüßung braucht es nicht. Marco Hörmann dreht sich um und geht durch das große Hallentor. Ich folge ihm. Als ich vor einigen Jahren schon einmal auf seinem Hof war, gab es dieses Gebäude noch gar nicht. Damals habe ich für kurze Zeit selbst mitgeholfen. 

Von außen wirkt die Halle wie eine gewöhnliche Maschinenhalle. Drinnen eröffnet sich eine andere Welt: Traktoren, einige Schafe, ein Büro, ein Showroom, die Wollwäsche, der Nähbereich und schließlich die mächtigen Kardiermaschinen. Es riecht nach Wolle, Metall und Werkstatt – nach einem Ort, an dem gearbeitet wird.

„Fast alles haben wir selbst aufgebaut“, sagt Marco. Tatsächlich steckt in jedem Winkel Eigenleistung. Maschinen wurden zerlegt, transportiert und wieder aufgebaut, Wände gemauert und Räume immer wieder neu gedacht. „Man muss einfach ausprobieren“, sagt er. Dieser Satz begleitet den gesamten Vormittag.

An der Kardiermaschine zeigt Marco, wie aus gewaschener Wolle ein feines Krempelband entsteht. „Das ist ja wie Zuckerwatte“, entfährt es mir. Genau diese Reaktion erlebt er häufig. Kaum jemand ahnt, wie weich heimische Schafwolle sein kann.

Die Wolle seiner Schafe soll wieder einen Wert bekommen. Heute entstehen auf dem Hof Bettdecken, Kopfkissen, Filzprodukte und Spinnwolle. Selbst Wollreste werden als Dünger weiterverwendet. Weggeworfen wird hier fast nichts.

Im Nähbereich wird getestet und ausprobiert. Schneiderin Heike gehört seit Anfang des Jahres zum Team. Gemeinsam wird getüftelt, welcher Stoff, welche Naht und welche Nadel die beste Lösung sind. Die erste fertige Bettdecke steht für Marco allerdings schon fest: „Die erste bekommt Jan.“ Der Architekt hat den Umbau der Halle von Anfang an begleitet.

Draußen zeigt Marco auf eine kleine Gruppe Schafe. „Das ist unsere Gurkentruppe“, sagt er grinsend. Wenig später wandert der Blick zum Storchennest auf dem Hallendach. „Das Klappern der Störche höre ich schon gar nicht mehr. Wenn die Arbeit nicht wäre, wäre es hier richtig idyllisch.“

Erst am Tisch erzählt Marco von seinem Weg. Schon als Kind fuhr er mit seinem Großvater beim Viehtransport mit. Während Schweine und Rinder oft nur widerwillig auf den Anhänger gingen, faszinierten ihn die Schafe. „Da sprang eins auf die Rampe – und der Rest folgte einfach.“ Aus dieser Faszination wurde später ein Beruf.

Gemeinsam mit seiner Frau Agnes, die ebenfalls Schäferin gelernt hat, führt er heute die Schäferei Moorhallig. Agnes kümmert sich in erster Linie um die Flaschenlämmer. Darüber hinaus verantwortet sie den Internetauftritt, sowie die Büroorganisation. Gemeinsam entwickelt die Familie den Betrieb Schritt für Schritt weiter. Vieles entsteht aus eigener Kraft – mit einem kleinen, engagierten Team und einer großen Portion Leidenschaft.

Schafe leisten dabei weit mehr als Landschaftspflege. Sie halten Heideflächen offen, beweiden Moore, Böschungen und andere schwer zugängliche Bereiche, an denen Maschinen oft an ihre Grenzen stoßen. Gleichzeitig fördern sie die Artenvielfalt und erhalten wertvolle Lebensräume. Für Marco ist diese Form der Beweidung aktiver Natur- und Klimaschutz – und ein wichtiger Grund, warum die Schäferei auch in Zukunft gebraucht wird.

Zum Team gehören Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen: Schneiderin Heike, ein Mitarbeiter, der den Sprung aus einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt geschafft hat, ein Bäcker, der nach Feierabend nicht nur beim Zaunbau hilft, sowie Praktikantinnen und Praktikanten während der Lammzeit. „Manche muss ich abends regelrecht ins Bett schicken“, erzählt Marco lachend.

Auch schwierige Themen gehören zum Alltag. Mehr als 60 Schafe verlor die Schäferei nach einem Wolfsangriff. Marco betont dabei einen Punkt besonders: Die Herde war bereits mit höheren und doppelt gesteckten Herdenschutzzäunen gesichert. Alle geltenden Vorgaben waren erfüllt – trotzdem gelangte der Wolf zu den Tieren. Besonders belastend waren für ihn nicht nur die Verluste, sondern die Folgen für die überlebenden Schafe. „Die waren traumatisiert“, sagt er. Manche erschraken später bei jedem knackenden Ast, andere ließen sich selbst mit den vertrauten Hütehunden kaum noch treiben. Heute setzt der Betrieb zusätzlich auf KI-gestützte Halsbänder. Sie analysieren die Bewegungen ausgewählter Tiere und alarmieren den Schäfer, wenn ungewöhnliche Fluchtbewegungen oder Panik in der Herde erkannt werden. Für Marco ist das kein Ersatz für gute Weidearbeit, sondern ein weiterer Baustein, um seine Tiere bestmöglich zu schützen.

Wer Marco zuhört, merkt schnell: Er denkt selten in Problemen, sondern fast immer in Möglichkeiten. Aus alter Technik wird Neues. Aus einem Rohstoff, der lange kaum etwas wert war, entstehen hochwertige Produkte. „Man muss einfach ausprobieren“ – dieser Satz beschreibt seine Haltung wohl am besten.

Zum Abschied frage ich Marco, wann er weiß, dass er den richtigen Beruf gewählt hat. Er muss nicht lange überlegen. „Eigentlich immer abends. Wenn ich noch einmal Wasser zu den Schafen bringe und alle satt auf der Weide liegen. Der typische Geruch der wiederkäuenden Schafe liegt dann in der Luft. Was für andere vielleicht ungewohnt oder sogar unangenehm riechen könnte, ist für mich ein Zeichen dafür, dass es den Tieren gut geht. Genau das mag ich. Dann weiß ich, dass ich meinen Job richtig gemacht habe.“  

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