Hinter den Kulissen des Flugplatzes Rotenburg
Ein persönliches Portät über Achim Figgen, Teamarbeit, Ferdinand´s Feld und die Faszination Fliegerei
Es gibt Orte, die strahlen eine besondere Ruhe aus – obwohl dort ständig etwas passiert. Für mich gehört der Flugplatz Rotenburg genau dazu. Ich kenne Achim Figgen seit einigen Jahren und habe selbst immer wieder Zeit auf dem Flugplatz verbracht. Es gab Phasen, da saß ich mit meinem Laptop in der Gastronomie oder einfach draußen im Gras und arbeitete, während im Hintergrund Flugzeuge starteten und landeten. Genau diese Mischung aus Gelassenheit und Bewegung macht diesen Ort so besonders.
Vielleicht zieht es mich genau deshalb immer wieder hierher. Nicht nur wegen der Flugzeuge, sondern wegen der Menschen, die diesen Ort mit Leben füllen.
An diesem Mittag ist von Ruhe allerdings wenig zu spüren. Durch die großen Fenster der neuen Gastronomie fällt der Blick direkt auf das Vorfeld. Flugzeuge rollen zur Startbahn, Pilotinnen und Piloten besprechen die nächsten Flüge und immer wieder erfüllt das Brummen der Motoren den Gastraum. Der Grund dafür ist das Fliegerlager. Eine Flugschule aus Hamburg (HFC) hat ihr traditionelles Camp in Rotenburg aufgeschlagen und nutzt den Flugplatz für intensive Ausbildungsflüge.
Mitten in diesem Trubel treffe ich Achim Figgen. Er nutzt seine Mittagspause für ein Getränk. Lange dauert sie nicht. Immer wieder schweift sein Blick nach draußen. Es wirkt, als habe er den gesamten Flugplatz im Blick – selbst dann, wenn er gerade eine Pause macht.
„Es gibt keinen klassischen Neun-bis-fünf-Job, bei dem jeder Tag gleich aussieht“, sagt er. Dieser Satz beschreibt seine Arbeit vermutlich besser als jede Stellenbeschreibung.
Seit Ende 2018 leitet der Diplom-Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik den Flugplatz Rotenburg. Doch schon nach wenigen Minuten wird deutlich: Achim spricht selten über sich selbst. Viel lieber erzählt er vom Flugplatz, von den Menschen, die hier arbeiten, von Ideen und Projekten und davon, wie sich der Standort in den vergangenen Jahren entwickelt hat.
Wer glaubt, ein Geschäftsführer verbringe seinen Tag ausschließlich hinter dem Schreibtisch, irrt. „Wenn ich dienstagmorgens komme und es hat nachts geschneit, schiebe ich eben auch mal selbst Schnee“, erzählt er lachend. Genau dieser Satz zeigt, wie bodenständig der Alltag auf dem Flugplatz ist. Hier packt jeder mit an.
Immer wieder fällt im Gespräch der Satz „unsere Leute“. Schnell wird klar: Achim versteht den Flugplatz als Gemeinschaftsprojekt. Flugleiter, Verwaltung, Hausmeister, die Mitarbeitenden der ansässigen Unternehmen, die neue Gastronomie und viele weitere Menschen sorgen gemeinsam dafür, dass hier alles funktioniert. Der Erfolg des Flugplatzes ist Teamarbeit – und genau das möchte Achim immer wieder betonen.
Besonders wichtig ist ihm die wirtschaftliche Zukunft des Flugplatzes. „Ein Flugplatz muss schwarze Zahlen schreiben. Nur dann hat er eine Existenzberechtigung.“ Einnahmen aus Vermietungen, Veranstaltungen, Fahrsicherheitstrainings oder der Gastronomie fließen wieder in Gebäude, Technik und Infrastruktur. Für ihn ist Stillstand keine Option.
Dabei geht der Blick immer nach vorn. Mehrere Unternehmen entwickeln und testen inzwischen Drohnen auf dem Flugplatz. Gleichzeitig arbeitet das Team an neuen Konzepten wie dem Fliegen ohne Betriebsleiter in Randzeiten. Moderne Luftfahrt, Innovation und klassische Fliegerei schließen sich hier nicht aus – sie ergänzen sich.
Mit sichtbarer Begeisterung erzählt Achim vom Ferdinand's Feld Festival. Was für Besucher ein Wochenende voller Musik ist, bedeutet für den Flugplatz eine enge Zusammenarbeit mit den Veranstaltern. „Da muss die Fliegerei eben auch mal zwei Tage zurückstecken“, sagt er mit einem Schmunzeln. Für ihn gehören solche Veranstaltungen zum modernen Flugplatz einfach dazu.
Heute verbinden viele junge Menschen den Flugplatz zuerst mit Ferdinand's Feld. Tausende Besucher feiern dort jedes Jahr ein Wochenende lang Musik. Dass ein Flugplatz gleichzeitig Festivalgelände, Wirtschaftsstandort und Ausbildungszentrum sein kann, zeigt, wie vielfältig sich das Gelände in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Genau diese Vielfalt macht den Reiz des Standorts aus.
Ein echtes Highlight war für ihn die Landung der historischen Transall. „Das war natürlich das Ereignis schlechthin.“ Bis heute zieht das Flugzeug viele Besucher an und ist ein Symbol dafür, wie lebendig Luftfahrtgeschichte sein kann.
Auch schwierige Momente gehören zu seinem Beruf. Den Anruf mitten in der Nacht wird er wohl nie vergessen: „Du musst mal herkommen – dein Flugplatz brennt.“ Der Brand im Verwaltungsgebäude war eine große Herausforderung. Dass heute kaum noch etwas davon zu sehen ist, verdankt der Flugplatz dem Einsatz vieler Beteiligter.
Während unseres Gesprächs wird deutlich, warum ich selbst immer wieder gerne hierherkomme. Der Flugplatz ist längst mehr als eine Start- und Landebahn. Die neue Gastronomie hat ihn wieder zu einem Treffpunkt gemacht. Hier begegnen sich Piloten, Radfahrer, Spaziergänger, Familien und Luftfahrtbegeisterte – jeder aus einem anderen Grund, aber alle an einem besonderen Ort.
Als ich mich verabschiede, klingelt erneut Achims Telefon. Die Mittagspause ist vorbei, der nächste Termin wartet bereits. Draußen rollt wieder ein Flugzeug zur Startbahn. Für die meisten Besucher ist das der sichtbare Teil des Flugplatzes. Was im Hintergrund organisiert, geplant, gerechnet und manchmal ganz praktisch angepackt werden muss, bleibt oft verborgen.
Nach unserem Gespräch verstehe ich noch besser, warum mich dieser Ort seit Jahren fasziniert. Der Flugplatz Rotenburg lebt nicht nur von den Maschinen, die hier starten und landen. Er lebt von den Menschen, die ihn Tag für Tag mit Leben füllen.
Vielleicht ist genau das das Besondere am Flugplatz Rotenburg.
Man muss kein Pilot sein, um sich hier wohlzufühlen.
Man muss nur einen Moment innehalten, den Blick über das Vorfeld schweifen lassen und beobachten, wie viele Menschen jeden Tag gemeinsam dafür sorgen, dass dieser Ort lebt.
Achim Figgen ist einer von ihnen.



