Leben bis zuletzt

Edda Nolte begleitet Menschen im Hospiz, im Krankenhaus und in der Trauer

Als ich zum Hospiz fuhr, hatte ich zunächst ein etwas mulmiges Gefühl. Das Thema Tod und Sterben ist  auch für mich nicht leicht. Ich wartete noch einen Moment vor der Tür – wir hatten uns am Haupteingang verabredet. Doch dieses Gefühl sollte sich schnell legen. Von Anfang an empfand ich die Atmosphäre als ausgesprochen angenehm und herzlich.

Wer Edda Nolte begegnet, erlebt eine sanfte, zugewandte Frau. Sie hört aufmerksam zu, lässt ihrem Gegenüber Raum und spricht ruhig – auch über Themen, die vielen Menschen schwerfallen: Sterben, Tod und Trauer. Gleichzeitig ist in ihren Worten eine große Klarheit und ein spürbares Engagement, wenn es darum geht, Menschen bis zuletzt ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Nolte arbeitet als Seelsorgerin im Hospiz und im Krankenhaus Bremervörde und begleitet Menschen in ihrer Trauer. Für sie ist diese Arbeit weit mehr als das Finden tröstender Worte. Es geht darum, da zu sein. Zuhören. Aushalten. Und den Menschen dort abzuholen, wo er gerade steht.

Denn über den Tod zu sprechen, fällt vielen schwer. „Wir leben in einer trauerarmen Gesellschaft“, sagt Nolte. Dabei sei der Tod ein Lebensthema, weil jeder Mensch irgendwann mit ihm konfrontiert werde – mit dem eigenen Sterben und mit dem eines geliebten Menschen.

Nicht den Weg vorgeben, sondern begleiten

Was Seelsorge bedeutet, lässt sich für Edda Nolte nicht auf tröstende Worte reduzieren. Manchmal geht es darum, Ängste anzusprechen. Manchmal um ganz praktische Fragen: Was passiert, wenn ich hier sterbe? Wie möchte ich verabschiedet werden? Welche Bestattungsform wünsche ich mir?

Und manchmal geht es um Dinge, die viel tiefer liegen. Nicht selten kommen im Hospiz Erinnerungen und Themen aus dem vergangenen Leben wieder hoch, über die lange nicht gesprochen wurde. Auch unverarbeitete Trauer kann am Lebensende noch einmal Raum bekommen.

Dabei gilt für Nolte ein Grundsatz: Die Menschen bestimmen selbst, wie viel Begleitung sie möchten. Seelsorge ist ein Angebot, kein Aufdrängen.

Besonders wichtig ist ihr die Selbstbestimmung. In der Palliativmedizin gefällt ihr deshalb ein Satz besonders: „Sie sind der Chef, die Chefin.“ Menschen, die lange erlebt haben, dass andere aufgrund ihrer Erkrankung Entscheidungen für sie treffen, können durch diese Haltung regelrecht aufatmen. Endlich wieder selbst sagen zu dürfen, was man möchte, kann eine enorme Bedeutung bekommen.

Das kann etwas scheinbar Kleines sein: länger schlafen, wenn man morgens nicht aufstehen möchte. Das Lieblingsessen bestellen. Ein Glas Wein trinken. 'Oder - wie in einer Geschichte aus dem Hospiz - eine 89jährige zum ersten Mal in ihrem Leben einen Burger im Hospiz genüsslich aß, den sie bis dahin nur aus Erzählungen ihrer Enkel kannte.' 

Für Nolte sind solche Momente keine Nebensächlichkeiten. Sie stehen für einen zentralen Gedanken ihrer Arbeit: Leben bis zuletzt.

Wenn der Tod auch in die Kinderwelt gehört

Besonders am Herzen liegt Edda Nolte die Frage, wie Kinder mit Tod und Sterben umgehen. Nicht erst dann, wenn ein Elternteil, Großelternteil oder ein anderer geliebter Mensch schwer erkrankt oder stirbt. Sie möchte, dass das Thema bereits vorher einen selbstverständlichen Platz in der Lebenswelt von Kindern bekommt.

Deshalb bietet Nolte unter anderem Gespräche und Elternabende in Kindertagesstätten an und freut sich besonders über Einladungen aus Kitas. Ihr Anliegen ist es, Eltern dort ganz konkretes „Handwerkszeug“ mitzugeben: Wie spreche ich mit meinem Kind über Tod und Sterben? Was kann ein Kind in welchem Alter verstehen? Wie kann ich es begleiten, wenn ein Mensch aus der Familie stirbt?

„Bitte nicht erst im akuten Fall“, ist dabei ihr Wunsch. Viel hilfreicher sei es, sich grundsätzlich mit dem Thema auseinanderzusetzen – so selbstverständlich, wie Eltern sich auch Gedanken darüber machen, wie sie ihr Kind auf die Schule vorbereiten.

Dabei hat Nolte eine klare Haltung: Kinder müssen die Wahrheit erfahren.

Wenn beispielsweise feststeht, dass ein Großvater bald sterben wird, sollten Eltern das Kind einbeziehen und zunächst einmal schauen, was es selbst wissen möchte. Kinder brauchen nicht automatisch einen langen Vortrag. Sie brauchen ehrliche Antworten auf ihre eigenen Fragen.

Auch die Sprache spielt eine wichtige Rolle. Nolte rät dazu, von „gestorben“ zu sprechen und nicht davon, dass jemand „eingeschlafen“ sei. 'Denn ein Kind kann das wörtlich verstehen - und wartet auf das Aufwachen des Verstorbenen oder bekommt Angst vor dem Einschlafen, weil es meint, nicht wiederaufzuwachen.'


Auch Abschiednehmen möchte Nolte Kindern ermöglichen. Warum sollte ein zehnjähriges Kind nicht bei der Trauerfeier des Großvaters dabei sein? Warum nicht gemeinsam mit der Familie den Sarg gestalten? Kinder können Bilder malen, Herzen oder Fingerabdrücke hinterlassen und dabei Erinnerungen austauschen. So wird aus etwas zunächst Fremdem ein Teil des Abschieds.

Nolte hat erlebt, wie selbstverständlich Kinder damit umgehen können, wenn Erwachsene sie von Anfang an einbeziehen. Ein fünfjähriges Kind kam einmal zu ihr und fragte ganz direkt: „Ist Mama schon tot?“ Für Nolte war das kein erschreckender Satz, sondern ein Zeichen dafür, dass das Kind verstanden hatte, was geschieht – und damit umgehen konnte.

Auch den verstorbenen Menschen zu sehen, könne für Kinder hilfreich sein. Nolte erklärt ihnen vorher, was sich körperlich verändert hat. Wenn das Kind möchte, darf es den Verstorbenen berühren. Es geht um ein buchstäbliches Begreifen.

Dabei geht es ihr nicht darum, Kindern den Tod „beizubringen“. Vielmehr möchte sie verhindern, dass er zu einem Tabuthema wird.

Und auch die Erwachsenen selbst dürfen sichtbar trauern. Sie dürfen vor ihren Kindern weinen. „Weinen ist Stärke und nicht Schwäche“, sagt Nolte. Kinder müssen nicht erleben, dass nach dem Tod eines geliebten Menschen plötzlich alle so tun, als sei nichts geschehen.

Ein Hospiz ist kein Ort, an dem man nur auf den Tod wartet

Dass Menschen im Hospiz sterben, ist selbstverständlich. Doch das bedeutet nicht, dass dort ständig über den Tod gesprochen wird oder jeder Gast sich bewusst mit seinem Sterben auseinandersetzt.

Manche Menschen möchten darüber sprechen. Andere nicht.

Manche haben ihre letzten Wünsche bereits geregelt, andere verdrängen das Thema bis zuletzt. Manche möchten ihre Familie nicht belasten und suchen deshalb eine neutrale Gesprächspartnerin.

Nolte versucht nicht, Menschen zu verändern. „Begleitung“ bedeutet für sie, neben einem Menschen zu gehen – nicht, ihn irgendwohin zu führen. Auch wenn jemand sich zurückzieht oder nichts mehr unternehmen möchte, müsse man das aushalten können.

Leben bis zuletzt

Wie ernst es im Hospiz mit dem Gedanken des selbstbestimmten Lebens genommen wird, zeigt eine Erfahrung, die Nolte bis heute bewegt.

Ein schwerkranker Mann konnte selbst nicht mehr rauchen. Kurz vor seinem Tod gab er ihr jedoch zu verstehen, dass er noch einmal eine Zigarette wollte. Nolte hielt sie ihm hin. Er nahm einige Züge – und starb wenige Minuten später.

Für Nolte war dieser Moment ein eindrückliches Beispiel dafür, was „Leben bis zuletzt“ bedeuten kann: Das, was einem Menschen wichtig ist, soll möglichst auch am Lebensende seinen Platz haben.

Auch ein Glas Wein kann dazugehören. Oder ein Lieblingsgericht. Natürlich immer unter Berücksichtigung der notwendigen Sicherheit und der jeweiligen Situation.

Der Anspruch ist nicht, medizinische Vernunft außer Kraft zu setzen. Es geht darum, Lebensqualität nicht aus den Augen zu verlieren.

Trauer braucht Raum

Für Nolte ist Trauer nicht ausschließlich Traurigkeit. Sie versteht Trauer als eine menschliche Fähigkeit, auf Verlust zu reagieren. Dazu gehören Tränen, aber auch Erinnerungen, Dankbarkeit, Freude und manchmal sogar Lachen.

Eine Trauerfeier müsse deshalb nicht ausschließlich traurig sein. Es könne gelacht und geweint werden – und beides habe seinen Platz.

Auch im Hospiz versucht man, Raum für solche Abschiede zu schaffen. Verstorbene können dort noch bis zu 36 Stunden in ihrem Zimmer bleiben. Angehörige haben dadurch die Möglichkeit, in Ruhe Abschied zu nehmen. Eine Aussegnung kann ebenfalls stattfinden.

Für Nolte ist das ein wichtiger Unterschied: Der Tod muss nicht sofort „weg“. Es darf einen Moment geben, in dem Familie und Freunde noch einmal zusammenkommen, Erinnerungen teilen und Abschied nehmen können.

Da sein, wenn Worte nicht reichen

Wie sehr diese Arbeit auch die Seelsorgerin selbst berührt, verschweigt Nolte nicht. Abgrenzung sei wichtig und müsse gelernt werden. Sie spricht im Team regelmäßig darüber, was sie beschäftigt, und nutzt die Supervision.

Trotzdem möchte sie nicht zu einer distanzierten Beobachterin werden.

Wenn Tränen kommen, dürfen sie kommen. Wenn eine Familie Abschied nimmt, kann auch sie traurig sein. Gleichzeitig empfindet sie häufig Dankbarkeit dafür, einen Menschen in dessen letzter Lebensphase kennengelernt und begleitet zu haben.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke dieser Frau: ihre Fähigkeit, mitzufühlen, ohne dem anderen seinen eigenen Weg abzunehmen. Sie begegnet Menschen mit großer Empathie – und bleibt dabei klar in ihrer Haltung.

 

Bei unserem Rundgang durch das Hospiz, fiel mir schließlich ein Plakat für ein kleines Klavierkonzert ins Auge. Ich musste lächeln: Als Pianist war dort ein Bekannter von mir angekündigt. Ausgerechnet an diesem Tag spielte er im Hospiz. Leider war seine Konzertstunde erst für den späten Nachmittag angesetzt, sodass wir uns knapp verpassten.

Aber diese kleine "Begegnung", begleitete mich auf meiner Rückfahrt: Zwischen all den Gedanken an Abschied, Krankheit und Sterben gab es dort ganz selbstverständlich auch Musik, Begegnung und ein Stück Leichtigkeit.

Das Leben als Geschenk

Was Edda Nolte Menschen mitgeben möchte, reicht deshalb weit über das Hospiz hinaus.

Durch ihre eigene Lebenserfahrung hat sie gelernt, das Leben bewusster wahrzunehmen. Nicht jeden Tag nach dem zu suchen, was schlecht gelaufen ist, sondern auch das Schöne zu sehen. Dankbar zu sein für Begegnungen und gemeinsame Zeit.

Ihr Wunsch ist, dass Menschen das Leben nicht als selbstverständlich betrachten.

Vielleicht beginnt das ganz einfach: am Ende eines Tages kurz innezuhalten und sich zu fragen, wofür man dankbar ist.

Denn das Leben ist ein Geschenk, sagt Nolte – und zugleich zerbrechlich.

Und ich denke, das ist genau die wichtigste Botschaft ihrer Arbeit: Der Tod gehört zum Leben. Aber bis dahin ist noch Leben. Und das darf bis zuletzt gelebt werden.


 


 


 

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