Zwischen Geburtstagsbesuchen und großen Projekten
Ein Vormittag mit Gnarrenburgs Ortsbürgermeister Ralf Rimkus – und einem Mann, der lieber über andere spricht als über sich selbst
Schon als ich in die Einfahrt fahre, steht Ralf Rimkus vor der Haustür und winkt mir freundlich zu. „Stell dich ruhig hier hin“, sagt er und zeigt mir einen Parkplatz. Eine kleine Geste, aber sie passt zu dem Eindruck, den ich an diesem Vormittag immer wieder gewinnen werde: Ralf Rimkus ist jemand, der sich kümmert.
Wir gehen durch das Haus auf die Terrasse. Dort nehmen wir an einem großen Gartentisch Platz. Neben uns liegt der Hund ganz entspannt auf seinem Kissen und verfolgt das Geschehen mit gelassener Ruhe. Ab und zu spaziert die Katze vorbei, wirft einen kurzen Blick auf den Besuch und verschwindet genauso unaufgeregt wieder, wie sie gekommen ist.
Es ist eine angenehme Atmosphäre. Kein Schreibtisch, keine Aktenberge, keine offizielle Kulisse. Stattdessen sitzen wir bei einer Tasse Kaffee in der Morgensonne und sprechen über ein Ehrenamt, das Ralf Rimkus inzwischen seit fast 20 Jahren begleitet.
Schon nach wenigen Minuten fällt mir etwas auf.
Immer wenn ich ihn nach seinen eigenen Erfolgen frage, spricht er lieber über andere. Über Vereine. Über Ehrenamtliche. Über Menschen, die sich für Gnarrenburg einsetzen. Es wirkt nicht einstudiert und auch nicht bescheiden um der Bescheidenheit willen. Es scheint einfach seine Art zu sein. Dabei gäbe es genügend Gründe, auf das Erreichte stolz zu sein.
Seit 2006 ist Ralf Rimkus Ortsbürgermeister von Gnarrenburg. Fünf Jahre zuvor war er bereits stellvertretender Ortsbürgermeister. Dass er dieses Amt einmal übernehmen würde, war ursprünglich gar nicht sein Plan.
„Mein Vorgänger hat mich damals irgendwann überzeugt, dass ich das auch kann“, erzählt er und lächelt. Als Soldat habe er schon immer gern mit Menschen gearbeitet. Trotzdem habe er sich gefragt, ob er den Anforderungen wirklich gerecht werden könne. „Ich habe gedacht: Na gut, versuchen kannst du es.“ Dass daraus einmal zwei Jahrzehnte werden würden, hätte er damals selbst nicht erwartet.
Während der Hund auf seinem Kissen weiterschläft und die Katze noch einmal neugierig über die Terrasse streift, beginne ich zu verstehen, dass die eigentliche Geschichte dieses Vormittags nicht von Bauprojekten oder Ratssitzungen handelt. Sondern von einem Menschen, der lieber zuhört als redet, lieber andere lobt als sich selbst und dessen Ehrenamt weit über Sitzungsunterlagen und Grußworte hinausgeht.
Irgendwann kommen wir auf seinen Alltag zu sprechen. Oder besser gesagt: auf einen Alltag, den es eigentlich gar nicht gibt.
„Einen typischen Alltag gibt es nicht“, sagt Ralf Rimkus und lehnt sich entspannt zurück.
Das glaube ich ihm sofort. Denn je länger wir sprechen, desto deutlicher wird: Ortsbürgermeister ist kein Beruf mit festen Arbeitszeiten. Es ist eine Aufgabe, die ständig mitläuft. Mal ruft jemand an, weil ein Straßenschild beschädigt ist. Mal geht es um ein Bauvorhaben. Dann wieder um eine Vereinsveranstaltung, eine Einweihung oder einen runden Geburtstag.
„Weil ich dich gerade treffe …“ Mit diesen Worten beginnen viele Gespräche, erzählt er und schmunzelt.
Privat unterwegs zu sein, ohne auf das Amt angesprochen zu werden? Das komme eher selten vor. Statt sich darüber zu ärgern, sieht er darin etwas Positives.
„Man wird irgendwann betriebsblind“, sagt er. „Dann sagt jemand: ,Guck mal, das müsste man doch ändern.‘ Und dann merkt man: Eigentlich hat er recht.“ Viele dieser Anregungen schreibt er sich auf. Nicht jede Idee lässt sich umsetzen. Aber viele verschwinden eben auch nicht einfach im Nichts. Sie werden geprüft, diskutiert oder irgendwann aufgegriffen. Genau das scheint sein Verständnis von Kommunalpolitik zu sein: zuhören, ernst nehmen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Was viele gar nicht sehen, ist der Zeitaufwand hinter diesem Ehrenamt.
Rund 15 Stunden pro Woche investiert Ralf Rimkus nach eigener Schätzung in seine Aufgabe – oft zusätzlich zu Abendterminen oder Veranstaltungen am Wochenende. Früher, als er noch bei der Bundeswehr arbeitete, saß er nach Feierabend häufig am Computer, schrieb Einladungen, bereitete Termine vor oder arbeitete Stellungnahmen durch. Heute ist er Pensionär. Deutlich weniger geworden, ist die Arbeit deshalb aber nicht.
Während er erzählt, wird mir bewusst, dass viele Menschen vermutlich nur die sichtbare Seite seines Ehrenamtes kennen. Die Grußworte bei Vereinsfesten, die Besuche bei Jubiläen, die Fotos in der Zeitung. Was dahinter steckt, bleibt oft unsichtbar. Dabei sind es genau diese Begegnungen, die seinen Kalender füllen.
Jedes Jahr besucht er rund 80 Geburtstage. Dazu kommen Goldene, Diamantene und Eiserne Hochzeiten, Mitgliederversammlungen, Jahreshauptversammlungen, Einweihungen und unzählige Veranstaltungen der Vereine. Fast jeden Tag ist irgendwo etwas los.
Ich frage ihn, ob ihm nach all den Jahren überhaupt noch einzelne Begegnungen in Erinnerung bleiben.
Er muss nicht lange überlegen.
„Mein erster hundertster Geburtstag“, sagt er. Seine Augen beginnen zu leuchten. Es war eine ältere Dame, die er schon viele Jahre kannte. Früher waren sie Nachbarn in Basdahl, seinem Geburtstort gewesen. Als sie ihn sah, musste sie lachen.
„Dass du mal Bürgermeister wirst, hätte ich auch nicht gedacht.“
Auch Ralf Rimkus lacht, als er die Geschichte erzählt.
Es sind genau solche Momente, die man in keiner Terminliste findet. Überhaupt spricht er mit großer Wertschätzung von den älteren Menschen, die er besucht. Viele hätten schwere Zeiten erlebt und trotzdem eine erstaunlich positive Lebenseinstellung bewahrt.
„Sie sind durchaus kritisch“, sagt er. „Aber oft auch zufrieden mit dem, was sie haben.“
Manchmal entstehen aus diesen Besuchen sogar ganz praktische Hilfen. Er erzählt von älteren Frauen, die mit einer kleinen Rente auskommen mussten und gar nicht wussten, dass sie Anspruch auf Grundsicherung haben könnten. Dann versucht er, ihnen den richtigen Weg zu zeigen oder den Kontakt zu den zuständigen Stellen herzustellen. In solchen Momenten wird deutlich, dass seine Besuche weit mehr sind als ein Händedruck, ein Blumenstrauß und ein kurzer Eintrag ins Gästebuch.
Während unseres Gesprächs fällt mir immer wieder auf, wie bedacht Ralf Rimkus antwortet. Nie wirkt es, als wolle er sich in den Vordergrund stellen oder besonders gut dastehen. Im Gegenteil. Mehrmals denke ich: Jetzt wird er bestimmt erzählen, was er alles erreicht hat. Doch genau das tut er nicht.
Als ich ihn frage, worauf er nach fast zwanzig Jahren im Amt besonders stolz ist, spricht er zunächst über die Dorferneuerung.
Wer heute durch Gnarrenburg fährt, sieht viele Dinge, die in dieser Zeit entstanden sind: den Dorfplatz in der Ortsmitte, das Bürgerhaus, den neuen Busknotenpunkt, Wegeverbindungen oder das ehemalige Feuerwehrhaus, das heute ganz anders genutzt wird. Hinter all diesen Projekten stecken Jahre der Planung, unzählige Sitzungen, Arbeitsgruppen und Förderanträge. 2012 wurde Gnarrenburg in das Dorferneuerungsprogramm aufgenommen – ein Meilenstein, wie Rimkus erzählt.
„Ohne die Dorferneuerung wäre Gnarrenburg heute nicht das, was es ist“, sagt er.
Man hört heraus, wie viel Herzblut in diesen Projekten steckt. Gleichzeitig verliert er kein einziges Wort darüber, welchen Anteil er selbst daran hatte. Stattdessen spricht er wieder von den Menschen.
Von den Mitgliedern des Ortsrates. Von den Arbeitsgruppen. Von den Ehrenamtlichen, die Ideen eingebracht und mit angepackt haben. Es ist ein Satz, der im Laufe unseres Gesprächs immer wieder deutlich wird: Große Projekte entstehen nicht allein.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihm der Ehrenamtstag der Gemeinde so wichtig ist.
Einmal im Jahr stehen dort Menschen im Mittelpunkt, die sonst meist im Hintergrund wirken. Menschen, die Jung und Alt im Sportverein trainieren, Veranstaltungen organisieren, in der Feuerwehr aktiv sind, sich sozial engagieren oder sich auf andere Weise für ihre Heimat einsetzen.
„Sie verdienen Anerkennung“, sagt Rimkus ganz selbstverständlich. Man glaubt ihm sofort. Denn auch an diesem Vormittag spricht er fast lieber über das Engagement anderer als über sein eigenes.
Ich frage ihn, ob es nach all den Jahren auch Momente gab, in denen er dachte: Jetzt reicht's.
Er schüttelt den Kopf.
Natürlich gebe es Kritik. Nicht jede Entscheidung werde von allen mitgetragen. Gerade in Ratssitzungen gehe es manchmal durchaus kontrovers zu. Aber persönliche Angriffe habe er in all den Jahren kaum erlebt.
„Nach der Ratssitzung können wir trotzdem noch zusammen ein Bier trinken“, erzählt er und lacht. Politik dürfe unterschiedliche Meinungen haben. Entscheidend sei, dass der gegenseitige Respekt erhalten bleibe.
Diese Gelassenheit überrascht mich. Vielleicht liegt sie an seiner Zeit bei der Bundeswehr. Vielleicht gehört sie einfach zu seinem Wesen. Jedenfalls wirkt Ralf Rimkus nicht wie jemand, der Konflikte sucht. Sondern wie jemand, der lieber Brücken baut.
Genau deshalb wundert es mich auch nicht, dass unser Gespräch irgendwann ganz von selbst das eigentliche Thema wechselt. Wir sprechen plötzlich nicht mehr über Politik. Sondern über Geschichte.
Irgendwann ist unser Gespräch eigentlich zu Ende. Ich klappe mein Notizbuch zu und denke, dass ich mich langsam verabschieden werde.
Doch stattdessen schaut mich Ralf Rimkus an und fragt:
„Hast du noch etwas Zeit? Dann fahren wir noch kurz zum Glasmuseum.“
Natürlich habe ich Zeit!
Wenige Minuten später sitzen wir im Auto. Die Fahrt dauert nicht lange. Trotzdem fällt mir etwas auf.
Immer wieder wird Ralf Rimkus gegrüßt. Ein kurzes Winken aus einem entgegenkommenden Auto. Ein freundliches Nicken und Handheben vom Straßenrand. Es wirkt nicht wie die Begrüßung eines Politikers. Eher wie die eines Nachbarn.
Vielleicht ist genau das der Unterschied.
Am Glasmuseum angekommen, öffnet Ralf Rimkus die Tür und wartet einen Moment, bis ich aufgeholt habe.
Schon nach den ersten Schritten wird deutlich, dass wir nicht einfach ein Museum besuchen. Wir betreten ein Stück Gnarrenburger Geschichte. Zwischen historischen Exponaten, alten Fotografien und Erinnerungsstücken erzählt Ralf Rimkus nicht zuerst von Gebäuden oder Jahreszahlen. Stattdessen spricht er über einen Menschen.
Über Jendrik Volkmann.
Seit zwei Jahren leitet er den Museumsverein und hat, wie Ralf begeistert erzählt, das Museum Stück für Stück neu aufgebaut. Themen statt bloßer Vitrinen. Geschichten statt einer reinen Sammlung von Gegenständen. Wer heute durch die Ausstellung geht, soll verstehen, welche Bedeutung die Glasindustrie für Gnarrenburg hatte und wie sehr sie das Leben vieler Familien geprägt hat.
Während Ralf erzählt, merkt man schnell, wie sehr ihn dieses Engagement beeindruckt.
Er berichtet von Recherchen in Archiven, von Kontakten bis nach Dresden und sogar in die USA. Dort sei ein originaler Tropfenzähler in seiner Originalverpackung aufgetaucht – ein seltenes Stück Glasgeschichte. Mit viel Überzeugungsarbeit habe Jendrik Volkmann den Besitzer dazu bewegt, das Exponat dem Museum zu überlassen.
Ralf erzählt diese Geschichte mit sichtbarer Begeisterung. Nicht, weil es um ein Ausstellungsstück geht. Sondern weil jemand seine Freizeit investiert, um Geschichte lebendig zu halten.
Je länger wir durch die Räume gehen, desto klarer wird mir, dass dieses Museum für Ralf Rimkus weit mehr ist als eine Sehenswürdigkeit. Es ist ein Ort, an dem sichtbar wird, was Ehrenamt bewirken kann.
„Es ist so wichtig, dass man solche Leute hat“, betont Ralf.
In diesem Moment muss ich an unser Gespräch auf der Terrasse denken. Schon dort hatte er immer wieder über andere gesprochen. Über Menschen, die Verantwortung übernehmen. Über Vereine. Über freiwilliges Engagement.
Jetzt, im Glasmuseum, schließt sich der Kreis. Auch hier geht es ihm nicht um sich selbst. Sondern um diejenigen, die mit Leidenschaft etwas bewahren, gestalten oder neu entstehen lassen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihm der Ehrenamtstag so wichtig ist.
Denn egal, ob Sportverein, Feuerwehr, Kultur oder Museum – überall leben Projekte von Menschen, die mehr tun, als sie eigentlich müssten.
Ralf Rimkus scheint einer von ihnen zu sein. Nur würde er das vermutlich nie über sich selbst sagen.
Als wir uns vor dem Glasmuseum verabschieden, denke ich noch einmal an diesen Vormittag zurück.
An den Gartentisch auf der Terrasse. An den Hund, der die ganze Zeit friedlich auf seinem Kissen lag. An die Katze, die immer wieder neugierig vorbeischaute. An die Menschen, die Ralf Rimkus auf der kurzen Fahrt freundlich zuwinkten.
Und an einen Mann, der fast zwei Stunden lang von seiner Arbeit erzählt hat – und dabei doch immer wieder über andere sprach.
Über Vereine. Über Ehrenamtliche. Über ältere Menschen, deren Geschichten ihn berühren. Über Jendrik Volkmann und seinen unermüdlichen Einsatz für das Glasmuseum.
Immer dann, wenn ich wissen wollte, worauf er besonders stolz ist, lenkte er den Blick auf diejenigen, die Gnarrenburg mitgestalten. Vielleicht ist genau das sein Verständnis von Ehrenamt. Nicht im Mittelpunkt zu stehen. Sondern zuzuhören, Menschen zu verbinden und gemeinsam etwas für die Heimat zu bewegen.
Als ich mich auf den Heimweg mache, wird mir klar, dass ich an diesem Vormittag weit mehr kennengelernt habe als einen Ortsbürgermeister.
Ich habe einen Menschen getroffen, der seiner Heimat mit großer Ruhe, viel Respekt und einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit begegnet.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ihm die Menschen in Gnarrenburg so selbstverständlich zuwinken.
Fotos: © Sandy Blank © Jendrik Volkmann © Smiley.toerist


