Was machst du eigentlich den ganzen Tag, Florian?
Manche Menschen schaffen es, dass man sich sofort wieder fühlt wie früher.
Als ich bei Florian ankomme, ist es genau dieses Gefühl. Wir kennen uns seit einigen Jahren. Irgendwann haben sich unsere Wege getrennt. Aus den Augen verloren haben wir uns trotzdem nie ganz. Mal tauchte in seinem WhatsApp-Status ein neues Kinderlied auf, mal bei mir ein Bericht oder eine Veranstaltung. Es waren kleine Einblicke in das Leben des anderen – mehr nicht. Umso schöner ist es, sich jetzt endlich wieder Zeit füreinander zu nehmen.
Wir sitzen in seiner Küche. Schnell vergessen wir das Aufnahmegerät zwischen uns. Das Gespräch fühlt sich weniger wie ein Interview an als wie ein Wiedersehen.
Eigentlich wollte ich von Florian wissen, was er den ganzen Tag macht. Schon nach wenigen Minuten wird klar: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Denn einen typischen Arbeitstag gibt es in seinem Leben nicht.
Mal steht er morgens vor einer Grundschulklasse und singt mit Kindern über ihre Rechte. Am nächsten Tag reist er quer durch Deutschland zu einem Konzert, hält eine Lesung oder gestaltet einen Workshop in einer Kita. Dazwischen entstehen neue Lieder, Bücher und Ideen – oft genau dann, wenn er gar nicht arbeitet.
„Die besten Ideen kommen mir beim Spazierengehen“, erzählt er. Während andere ihr Handy zücken und Gedanken festhalten, macht Florian genau das nicht. Bleibt eine Melodie oder eine Textidee bis zu Hause im Kopf, dann hat sie eine Chance. Ist sie vergessen, war sie vermutlich doch nicht die richtige.
Während er erzählt, merkt man schnell, dass Musik für ihn nie Selbstzweck war. Es geht ihm nicht darum, möglichst viele CDs zu verkaufen oder große Bühnen zu bespielen. Seine Musik soll etwas bewirken.
Eigentlich wollte Florian beruflich sogar etwas ganz anderes machen. Weil in seiner Familie viele musizierten, wollte er bewusst einen anderen Weg einschlagen. Erst während seines Studiums der Sozialen Arbeit fand er über die Musikpädagogik zurück zu seiner eigentlichen Leidenschaft. Der entscheidende Anstoß kam ausgerechnet von einem Kindergartenkind. „Können wir nicht mal ein anderes Begrüßungslied singen?“
Florian suchte – und fand keines, das ihn überzeugte. Also setzte er sich hin und schrieb selbst eins. Ohne zu ahnen, dass aus genau diesem Moment einmal ein Beruf werden würde.
Heute ist Florian Kinderliedermacher, Kinderbuchautor, Podcaster und Musikpädagoge. Vor allem aber ist er jemand, der Kindern zuhört.
Sein großes Herzensthema sind die Kinderrechte.
Mit Liedern, Geschichten und Büchern erklärt er Kindern, was ihnen zusteht – auf Augenhöhe und ohne erhobenen Zeigefinger. Dabei geht es nicht darum, Paragraphen auswendig zu lernen. Es geht darum, dass Kinder verstehen: Ich bin wichtig. Meine Meinung zählt. Ich habe Rechte.
Wenn Florian von Kindern erzählt, leuchten seine Augen. „Ich bin mega gerne bei den Kindern.“ Vielleicht auch, weil Kinder das ehrlichste Publikum sind.
Schmunzelnd erzählt er von einem Konzert, bei dem er zwischen den Liedern immer wieder erklärte, worum es beim nächsten Kinderrecht geht. Nach einigen Minuten stand plötzlich ein Kind auf.
„Boah, du laberst so viel, ich geh1! " Florian lacht noch heute darüber. Er fragte zurück, ob das Kind bleiben würde, wenn er weniger rede und mehr Musik mache.
„Ja.“ Also änderte er spontan sein Programm. Weniger Erklärungen. Mehr Musik.
„Kinder sagen einfach ehrlich, was sie denken“, sagt Florian. Und genau das schätzt er an ihnen.
Doch nicht jede Geschichte endet mit einem Lächeln.
Während unseres Gesprächs wird Florian für einen Moment nachdenklich.Er erzählt von einem Konzert, bei dem er mit den Kindern über das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung sprach. Anschließend sang er das passende Lied. Plötzlich meldete sich ein Kind.
„Das stimmt doch gar nicht. Meine Mama haut mich.“
Für einen kurzen Moment blieb alles stehen. Die Mutter saß direkt daneben.
Florian unterbrach das Lied und erklärte ruhig, dass Kinder niemals Gewalt erleben müssen und dass sie ein Recht auf ein gewaltfreies Aufwachsen haben. Nach dem Konzert ließ ihn dieser Moment nicht mehr los.
„Ich frage mich bis heute, ob ich noch mehr hätte tun können.“
Es sind genau diese Begegnungen, die zeigen, warum seine Arbeit so viel mehr ist als Unterhaltung. Besonders beschäftigt ihn, dass Kinder in politischen Entscheidungen noch immer zu selten im Mittelpunkt stehen. Schulen mit maroden Toiletten, fehlendes Geld für Projekte oder Einrichtungen, die wegen Haushaltssperren Angebote absagen müssen – all das erlebt er immer wieder.
Sein Wunsch ist deshalb so einfach, wie groß: „Wir müssen wieder mehr auf Kinder achten.“
Nicht nur Politik und Gesellschaft seien gefragt. Auch Familien könnten oft schon mit kleinen Dingen viel bewirken. Gemeinsam spielen. Ein Buch lesen. Zuhören. Zeit schenken. Denn genau daraus entstehen Erinnerungen.
Trotz aller Herausforderungen sagt Florian einen Satz, den man ihm sofort glaubt:
„Ich habe meinen Traumjob.“
Und das klingt bei ihm nicht wie eine Floskel. Es klingt nach echter Dankbarkeit.
Als wir unser Gespräch beenden, nimmt Florian mich noch mit in sein Musikzimmer.
Gitarren hängen an den Wänden, daneben stehen Trompete, Bass, Horn, Ukulele und weitere Instrumente. Es ist ein Raum voller Ideen. Ein Raum, in dem ausprobiert, geschrieben und komponiert wird. Ich schaue mich um und denke, dass dieser Raum eigentlich ganz gut zu Florian passt.
Herzlich. Kreativ. Unkompliziert. Und voller Musik.
Auf dem Heimweg denke ich an unser Wiedersehen. Daran, wie viele Jahre vergangen sind und wie wenig sich doch an dem geändert hat, was Florian ausmacht.
Er schreibt nicht einfach Kinderlieder.
Er gibt Kindern eine Stimme.

