Wo ein Garten zum Zuhause wird

Es regnet nicht. Es schüttet auch nicht. Aber das Wetter ist so unbeständig, dass wir die Motorräder diesmal lieber stehen lassen. Eigentlich kommen mein Mann und ich gern auf zwei Rädern nach Fintel. Zum Papenhus sowieso.

Dort haben wir vor einigen Jahren Edda und Rainer kennengelernt – bei einem ihrer „Offenen Gärten“. Aus einem Gartenbesuch ist irgendwann mehr geworden: Man kennt sich, trifft sich wieder, bleibt im Gespräch.

Heute sitzen wir deshalb nicht zwischen Motorradhelmen und Regenjacken, sondern im „Gartenwohnzimmer“. Vor uns Kaffee und Grießbrei, um uns herum dieser Garten, über den wir schon so oft gesprochen haben. Und während wir essen, erzählen Edda und Rainer von einem Ort, der eigentlich schon viel länger da ist als sie – und der ohne die beiden heute trotzdem nicht mehr derselbe wäre.

1999 haben sie das 1867 erbaute Bauernhaus am Moordamm gekauft.

Als Edda es zum ersten Mal sah, war es Liebe auf den ersten Blick. Nicht unbedingt wegen des Zustands. Der war, vorsichtig formuliert, ausbaufähig.

Aber Edda sah sofort, was daraus werden könnte. Das alte Tor zum Beispiel. Das musste bleiben. Daran gab es nichts zu diskutieren. Dahinter allerdings wartete jede Menge Arbeit. 4200 m² gräbt man nicht mal so eben um.

„Brennnesseln in der Höhe von zwei bis drei Metern“, erzählt Rainer. Brombeeren, die in Bäume hineingewachsen und wieder herausgekommen waren. Eine verwilderte Feuchtwiese. Von dem Garten, den Besucher heute kennen, war noch nichts zu sehen. Rainer machte sich mit Sense, Spaten und Kettensäge ans Werk. Und Edda hatte währenddessen schon das nächste Bild im Kopf. Das ist bis heute ungefähr das Prinzip der beiden: Edda sieht, wie etwas werden soll. Rainer sieht, was dafür gemacht werden muss.

„Ich habe die Ideen und Rainer setzt sie um“, sagt Edda. Rainer nennt sich deshalb manchmal scherzhaft den „Hausmeister“.

Jeder Stein, jede Ecke

Der Hof wurde über die Jahre zu ihrem gemeinsamen Projekt. Rainer verlegte die Feldsteine im Hof selbst. Jeden einzelnen. Vieles, was heute selbstverständlich aussieht, ist irgendwann einmal durch seine Hände gegangen. Auch der Garten ist nicht am Reißbrett entstanden. Er wurde entdeckt. Eine Ecke wurde gerodet – und plötzlich war da Platz für ein Beet. Dann kam ein weiterer Bereich. Ein Weg. Eine Sitzecke. Ein Hochbeet.

Gerade die Hochbeete erzählen viel über die Arbeitsweise der beiden. Zuerst wurden sie einfach gebaut. Dann stellte sich heraus: So funktioniert das nicht. Das Holz hielt nicht. Die Abstände waren zu eng. Mit der Schubkarre kam man nicht vernünftig durch. Also wurde neu geplant. Diesmal auf Millimeterpapier. Die Beete sollten nicht aussehen wie aneinandergereihte Kästen, sondern sich in den Garten einfügen. Praktisch mussten sie natürlich trotzdem sein.

Überhaupt scheint dieser Garten aus einer Mischung aus Vorstellungskraft und Ausprobieren entstanden zu sein. Edda weiß häufig schon, wie etwas aussehen soll. Rainer weiß, wie man es baut oder er lernt dabei, wie es funktioniert. Bei der Terrasse zum Beispiel. Die sollte ursprünglich deutlich kleiner werden. Edda wollte lieber etwas großzügiger planen. Rainer war zunächst anderer Meinung. Heute ist die Terrasse so, wie sie ist.Und Rainer findet sie gut.

Kühe, Pferd und Schweine

Dass im Papenhus heute getöpfert wird, lässt sich den Räumen trotzdem noch ansehen. Die Töpferei befindet sich in einem Teil des ehemaligen Stalls. Wo heute Eddas Keramik entsteht, standen früher Tiere. Kühe. Ein Pferd. Schweine. Der Hof war bis 1974 landwirtschaftlich genutzt worden. Die Spuren dieser Zeit sind noch vorhanden. Alte Balken treffen auf neue, und wer genau hinschaut, kann erkennen, wie das Gebäude früher einmal ausgesehen hat.

Edda selbst kam eher über Umwege zur Töpferei. Als sie ihren Beruf aufgeben musste, hatte sie bereits Erfahrung mit Keramik. Sie hatte in Hamburg mit einer Meisterin gearbeitet und immer wieder getöpfert. Also wurde aus dem Können eine neue Aufgabe. Zunächst allerdings unter ziemlich improvisierten Bedingungen. Getöpfert wurde in der Küche. Und im Flur. Die fertigen Sachen lagen in Kisten. So vielen Kisten, dass Edda irgendwann selbst nicht mehr genau wusste, was sie eigentlich noch hatte.

Sie begann, Märkte auszuwählen, beobachtete das Publikum und baute sich nach und nach einen Kundenkreis auf. Später wurde aus der Küche eine richtige Werkstatt. Und aus der Werkstatt ein Geschäft.


Dann kam Marita

Der Garten war zu dieser Zeit schon auf dem Weg zu dem zu werden, was er heute ist. Aber Edda und Rainer hatten überhaupt nicht vor, ihn für fremde Menschen zu öffnen. Dann kam Marita Eichler.

Sie besuchte die Töpferei, schaute sich anschließend den Garten an und sagte sinngemäß: Ihr müsst beim „Offenen Garten“ mitmachen. Rainer konnte damit zunächst nicht viel anfangen.

„Offener Garten“ – das kannte er aus England. Rosengärten, besondere Züchtungen, Wasserspiele. Aber das hier?

Doch Marita blieb dabei: Der Garten sei wunderschön. Also machten sie mit. Und plötzlich standen Menschen vor ihrem alten Tor. Erst ein paar. Dann immer mehr. Menschen aus Bremen, Hamburg, Lübeck, Lüneburg und vielen anderen Orten kamen nach Fintel. Manche reisten sogar mit Bussen an.

Es gab Gartenführungen, Kaffee und Kuchen. Die Besucher liefen durch den Garten, stellten Fragen und blieben zum Erzählen.

„Du brauchst kein Insektenhotel“

Einer der Sätze, an den sich die beiden bis heute erinnern, stammt von der Biologin Erika Vauk. Edda oder Rainer – ganz genau, wer die Frage stellte, ist heute fast nebensächlich – wollte wissen, wo im Garten ein Insektenhotel am besten aufgehoben wäre. Erika Vauk schaute sich um.

Und sagte:„Du brauchst hier kein Insektenhotel. Dein Garten ist das gelebte Insektenhotel.“

Mehr kann man über diesen Garten eigentlich kaum sagen. Denn er ist nicht nur dekoriert. Er lebt. Libellen haben sich an den Teichen angesiedelt. Wasserläufer und Wasserkäfer gehören dazu, ebenso Molche. Fische gibt es bewusst nicht.

Rainer beobachtet gern, was sich dort entwickelt. Er erzählt von den Larven der Libellen, von den leeren Hüllen, die er beim Saubermachen aus dem Wasser holt. Der Teich macht Arbeit. Viel Arbeit sogar. Aber er ist auch einer der Orte, an denen die beiden besonders gern sitzen. Und offenbar nicht nur sie.

Es kommt schon mal vor, dass jemand anruft und fragt, ob er bei seinem Besuch bitte direkt am Teich Kaffee trinken könne. Das geht nicht immer. Aber wenn ein Platz frei ist, spricht nichts dagegen.

Aus Besuchern werden Bekannte

Überhaupt ist das Papenhus irgendwann mehr geworden als ein schöner Garten, den man an bestimmten Tagen anschauen kann.

Es gab Handwerkertage, Lesungen, Musik, Kindergeburtstage, Ferienprogramme und Aktionstage. Edda hat mit Kindern gekocht, Nudeln gemacht, Fladenbrot gebacken und Feuerstellen gebaut. Es wurde getöpfert, gefeiert und gemeinsam gegessen. Und dann sind da die Menschen, die immer wiederkommen. Manche waren zehn-, fünfzehn-, vielleicht sogar zwanzigmal hier. Aus Besuchern werden Bekannte. Aus Bekannten werden Freunde. Das ist etwas, womit Edda und Rainer selbst am wenigsten gerechnet haben. Heute erzählen sie von den vielen  Menschen, die sie dort kennengelernt haben. Auch wir gehören inzwischen dazu.

Wir sitzen im Gartenwohnzimmer.

Wir essen Grießbrei.

Und reden.


Ein Garten kostet Zeit

Bei aller Freude gibt es allerdings auch eine andere Seite. So ein großer Garten will versorgt werden. Vor allem im Sommer. Wenn es heiß ist, kann das Gießen allein mehrere Stunden dauern. Viele Pflanzen stehen in Töpfen. Dazu kommen Obsternte, Schnittarbeiten, Teiche und alles, was sonst noch anfällt.

Urlaub im Sommer? Schwierig. Edda sagt selbst: Eigentlich könne man erst im September wirklich wegfahren. Wenn die Pflaumen geerntet sind. Danach kommen die Äpfel. Und Rainer würde gern öfter Motorrad fahren. Man hört ihm an, wie viel Freude ihm das macht. Edda gönnt ihm diese Freude. Sehr. Aber im Alltag bleibt dafür nicht immer genug Zeit.

Und deshalb denken die beiden inzwischen über etwas nach, das vor einigen Jahren noch kaum vorstellbar gewesen wäre: Vielleicht wird es irgendwann Zeit für etwas Neues. Nicht, weil das Papenhus nicht mehr schön wäre. Nicht, weil sie es nicht mehr lieben. Sondern weil da noch andere Dinge sind, die sie erleben möchten. Mehr reisen. Im Sommer auch einmal wegfahren. Zeit haben.

Was bleibt?

Edda hat einen Wunsch, den sie sich nie ganz erfüllt hat: einen großen Erdbrand. Dabei werden Keramikstücke mit Holz, Laub und Rauch gebrannt. Jedes Stück bekommt dadurch sein eigenes Muster, seine eigenen Farben. Kein Brand gleicht dem anderen. Sie hat es im Kleinen ausprobiert. Der große Erdbrand ist nie gekommen.

„Alles hat seine Zeit“, sagt Edda.

Der Satz bleibt mir in Erinnerung.

Denn wenn man Edda zuhört, versteht man, dass ein Haus nicht unbedingt an dem Tag zum Zuhause wird, an dem man einzieht. Sie erzählt von einer Nacht, in der sie irgendwann im Dunkeln durch das Haus lief. Ohne Licht. Sie wusste, wo sie war. Sie stieß nirgendwo an.

Da wusste sie: Jetzt bin ich angekommen.

Ich finde, das sieht man dem Papenhus heute an.

Dass hier zwei Menschen angekommen sind. Nicht in einem fertigen Haus. Nicht in einem fertigen Garten. Sondern in etwas, das sie über Jahrzehnte selbst geschaffen haben.

Stein für Stein.

Pflanze für Pflanze.

Idee für Idee.

Und irgendwann ist daraus ein Ort geworden, durch dessen altes Tor nicht nur Besucher gehen.

Sondern Menschen, die bleiben.

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