
Jens Fajen
Spirituosenfabrik Bruns
Verwurzelt sein und trotzdem seinen eigenen Weg gehen
Ein Familienunternehmen über mehr als 120 Jahre zu erhalten, ist eine Sache. Ein Leben lang Verantwortung zu übernehmen, eine andere. Jens Fajen hat beides miteinander verbunden. In Rotenburg ist er zu Hause, im Betrieb hat er seine eigenen Vorstellungen verwirklicht. Und manche seiner wichtigsten Lebensaufgaben, hatten mit dem Geschäft überhaupt nichts zu tun.
Im Treppenhaus hängt ein Foto seiner Mutter. Sie sitzt in der Probierstube des Familienunternehmens, in dem sie noch lange mitgearbeitet hat, obwohl sie längst im Rentenalter war. Jens Fajen zeigt auf das Bild und erzählt von ihr. Das Leben, von dem er berichtet, ist hier nicht Vergangenheit. Es ist noch immer Teil seines Alltags.
Fajen kennt diese Räume seit seiner Kindheit. Sein Großvater, sein Vater und er haben zeitweise gemeinsam im Unternehmen gearbeitet. Dass er den Betrieb eines Tages übernehmen würde, war früh absehbar. Mit 23 Jahren begann er fest dort zu arbeiten. Sein Vater stellte ihm in Aussicht, dass er die Firma übernehmen könne, wenn er zehn Jahre durchhalte. Am 1. Januar 1996 war es so weit. Jens Fajen war 33 Jahre alt.
Drei Jahrzehnte später ist er noch immer da. Das Unternehmen hat mehr als 120 Jahre Geschichte hinter sich. Doch Jens Fajen erzählt nicht nur von dem, was bewahrt werden musste. Er erzählt auch davon, was er anders machen wollte.
Sein Vater war ein kunstinteressierter Mensch und in der Kulturszene engagiert. Jens Fajen dagegen zog es früh zu den Kunden. Er war im Außendienst unterwegs, warb neue Abnehmer und knüpfte Kontakte zu Reiseveranstaltern, unter anderem in Südschweden. Er hat den Betrieb nach seinen Vorstellungen verändert. Die Tradition war ihm vorgegeben, der eigene Weg nicht.
Dass dieser Weg nicht immer einfach war, gehört dazu. Als Supermärkte dem klassischen Einzelhandel zunehmend Konkurrenz machten, geriet das Unternehmen unter Druck. Später kamen neue Herausforderungen hinzu. Heute muss Jens Fajen mit einem Sortiment von rund 40 Sorten planen, Zutaten rechtzeitig beschaffen und Produktionsabläufe genau koordinieren. Fehlt eine Zutat, kann sich die Herstellung um Wochen verzögern. Was nach außen überschaubar wirkt, verlangt im Hintergrund viel Organisation und Erfahrung. Aber Jens Fajen wirkt auf mich souverän, gelassen, im Lebens stehend. Ich glaube, es braucht ein paar große Brocken, um ihn wirklich aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Aber nicht jede Idee funktioniert. Eine neue Likörsorte kann handwerklich gelungen sein und trotzdem bei den Kunden nicht ankommen. Dann muss sie wieder aus dem Sortiment verschwinden. Jens Fajen kann damit umgehen. Nicht jede Entscheidung bestätigt sich im Nachhinein, und nicht alles lässt sich durch noch so viel Einsatz zum Erfolg machen.
Wahrscheinlich ist das eine der stilleren Erfahrungen, die ein langes Unternehmerleben mit sich bringt: Man lernt, Entscheidungen zu treffen, ohne vorher wissen zu können, ob sie sich als richtig erweisen.
Nicht nur Unternehmer
Jens Fajen hat sich nie ausschließlich über seine Arbeit definiert. Schon in jungen Jahren engagierte er sich im Stadtrat, im Aufsichtsrat der Stadtwerke, in Sportvereinen und in der Wirtschaftsförderung. Er war jemand, der sich einmischte und Dinge mitgestalten wollte. Das freie Reden fiel ihm schon in der Schule leicht. Als Schulsprecher stand er vor anderen, später vertrat er politische Positionen.
Dass öffentliches Engagement für einen Unternehmer nicht immer bequem ist, hat er erfahren. Wer sich politisch festlegt, macht sich nicht bei allen beliebt. Jens Fajen war sich bewusst, dass das auch geschäftliche Folgen haben kann. Trotzdem hielt ihn diese Möglichkeit lange nicht davon ab, seine Meinung zu vertreten.
Dann veränderte sich sein Leben. Sein Vater starb 1998 an Krebs, nur zwei Jahre nach der Übergabe des Unternehmens. Später brauchte seine Mutter Unterstützung. Fajen kümmerte sich um sie und begleitete beide Eltern bis zum Lebensende.
Wenn er davon erzählt, wird aus dem Unternehmer, der Produktionsabläufe und wirtschaftliche Risiken im Blick hat, ein Sohn, der sich an die letzten Lebensphasen seiner Eltern erinnert. Er war bei ihnen, als es zu Ende ging, ebenso bei seinem Großvater. Das sei bitter gewesen, aber auch wertvoll. Abschiednehmen zu können, bedeute etwas.
Es sind keine großen Worte, mit denen er diese Erfahrungen beschreibt. Man spürt, dass sie zu seinem Leben gehören, ohne dass er daraus eine Geschichte über sich selbst machen muss.
Familie entsteht nicht nur durch Herkunft
Auch in seinem privaten Leben hat Jens Fajen über viele Jahre Verantwortung übernommen. Er hat vier Kinder großgezogen, die nicht seine leiblichen sind. Mehr als zwei Jahrzehnte lang gehörten sie zu seinem Alltag. Heute sind sie erwachsen. Die Verbindung ist geblieben.
Im Gespräch wird deutlich, dass diese Beziehungen für ihn nicht einfach ein Kapitel aus einer vergangenen Lebensphase sind. Er spricht von den Kindern, ihren unterschiedlichen Wegen und davon, wie sie sich entwickeln. Einer der jungen Männer arbeitet inzwischen einen Tag in der Woche im Familienunternehmen. Er hat zugleich einen eigenen Beruf und steht wirtschaftlich auf eigenen Beinen.
Wie es langfristig weitergeht, ist offen. Der Sohn soll seinen eigenen Weg finden. Jens Fajen macht keinen Hehl daraus, dass er sich eine Verbindung zum Unternehmen wünscht. Aber er weiß auch, dass die Entscheidung nicht allein bei ihm liegt.
Vielleicht liegt darin eine Spannung, die viele Eltern kennen: Man möchte etwas weitergeben, das einem selbst viel bedeutet, und muss zugleich akzeptieren, dass die nächste Generation andere Vorstellungen haben kann. Bei einem Familienunternehmen wird daraus schnell auch eine wirtschaftliche Frage. Für Jens Fajen ist es weit darüber hinaus, eine persönliche.
Dass vier Kinder, die nicht seine leiblichen sind, über so viele Jahre Teil seines Lebens waren und geblieben sind, erzählt jedenfalls eine Geschichte, die in keiner Firmenchronik auftaucht. Sie zeigt einen Teil seines Lebens, der sich nicht in Umsatz, Produktionszahlen oder Jubiläen ausdrücken lässt.
Eine Heimat, die sich verändert
Jens Fajen ist in Rotenburg geboren und er ist geblieben. Er bezeichnet sich als echten Rotenburger und erzählt, dass er schon nach zehn Tagen außerhalb der Region Heimweh bekomme. Die Landschaft, die Menschen, die Geschichte seiner Familie – all das gehört für ihn zusammen.
Seine Verbundenheit ist nicht romantisch. Er sieht, wie sich die Innenstadt verändert, wie Geschäfte verschwinden und wie schwer es kleine Betriebe haben.
Dass er diese Fragen offen anspricht, macht seine Verbundenheit nicht kleiner. Im Gegenteil: Heimat zu lieben heißt nicht zwangsläufig, alles gut finden zu müssen. Manchmal bedeutet es, genau hinzusehen und sich einzugestehen, dass sich etwas verändert, auch wenn man es gern bewahren würde.
Was bleibt, wenn der Betrieb eines Tages nicht mehr den Alltag bestimmt?
Auf die Frage, was er machen würde, wenn er das Unternehmen einmal abgibt, muss Jens Fajen nicht lange überlegen. Stadtführungen könnte er sich vorstellen. Menschen durch Rotenburg führen, Gebäude zeigen, Geschichten erzählen. Das klingt nach einer Aufgabe, die zu ihm passen würde.
Er erinnert sich an Einzelheiten, verknüpft Familiengeschichte mit der Entwicklung der Stadt und erzählt gern. Dabei geht es nicht nur um die großen Ereignisse. Es geht um Menschen, um frühere Generationen, um Häuser und um das, was im Lauf der Zeit verloren gegangen oder erhalten geblieben ist.
Vielleicht würde er bei einer Stadtführung irgendwann auch von seinem Großvater erzählen, von seinem Vater und davon, wie aus dem jungen Mann, für den die Unternehmensnachfolge früh feststand, ein Unternehmer mit eigenen Vorstellungen wurde. Vielleicht würde er von den Veränderungen berichten, die er erlebt hat, und davon, dass ein Betrieb nicht allein deshalb überlebt, weil er schon lange existiert.
Noch ist es nicht so weit. Jens Fajen steht mitten in seinem Arbeitsalltag, denkt über die Zukunft des Geschäfts nach und hält die Dinge am Laufen. Sein Leben lässt sich ohnehin nicht auf eine einzige Rolle reduzieren. Er ist Unternehmer und Sohn, hat Kinder begleitet und sich lange für seine Stadt engagiert. Manche dieser Aufgaben haben sich überschnitten, andere haben sich im Laufe der Jahre verändert.
Was davon am Ende am wichtigsten sein wird, lässt sich kaum sagen. Ich finde, es ist auch gar nicht nötig, eine Rangfolge aufzustellen. Die Geschichte von Jens Fajen besteht nicht allein aus dem, was er aufgebaut und weitergeführt hat. Sie besteht ebenso aus den Menschen, mit denen er sein Leben geteilt hat, aus den Entscheidungen, die er treffen musste, und aus der Frage, was sich bewahren lässt, wenn sich die Welt um einen herum verändert.
Im Treppenhaus hängt weiterhin das Foto seiner Mutter. Draußen wird produziert, verpackt und versendet. Der Alltag geht weiter. Und Jens Fajen steht mittendrin – in einem Unternehmen, das seine Familie geprägt hat, und in einem Leben, das weit über dieses Unternehmen hinausreicht.


