Einmal Himmel und zurück
Wie Piloten am Flugplatz Rotenburg trauernden Kindern einen besonderen Tag schenken
Ein Flugplatz ist ein Ort, an dem es eigentlich ums Fliegen geht. Um Motoren, Propeller, Startbahnen und die kleinen und großen Maschinen, die über unsere Region hinwegziehen. Doch einmal im Jahr geht es am Flugplatz Rotenburg um etwas ganz anderes.
Dann kommen Kinder, die einen schweren Verlust erlebt haben. Kinder aus der Trauergruppe des Hospizvereins Fidelius. Sie steigen in kleine Flugzeuge, setzen das Headset auf und heben ab. Für etwa 15 Minuten geht es über Rotenburg, Scheeßel und die Umgebung. Und für diese kurze Zeit vielleicht auch ein bisschen weg von dem, was im Alltag schwer ist.
„Einmal Himmel und zurück“ lautet das Motto der Aktion. Seit sieben Jahren gibt es das Kinderfliegen inzwischen.
Eine Idee, die geblieben ist
Angefangen hat alles mit Dennis Weselow, einem ehemaligen Mitglied des Bremer Vereins für Luftfahrt. Er hatte Kontakt zur damaligen Leitung der Trauergruppe von Fidelius und fand die Idee schön, den Kindern einen besonderen Tag zu schenken. Aus dieser Idee ist inzwischen eine Tradition geworden. Einer, der dafür sorgt, dass sie jedes Jahr wieder stattfinden kann, ist Joachim Siems. Joachim kenne ich schon seit einigen Jahren – und so sitzen wir diesmal nicht zum ersten Mal zusammen. Nur ist unser Gesprächsthema ein besonderes.
Denn Joachim ist zwar selbst Pilot, aber beim Kinderfliegen sitzt er meistens nicht im Cockpit. Er organisiert. Er spricht Piloten an, sucht Flugzeuge, koordiniert die Teilnehmer und versucht, aus vielen einzelnen Zusagen einen funktionierenden Tag zu machen.
„Die eigentliche Arbeit, die dahinter steckt, ist, die freiwilligen Leute hier von unserem Platz zu akquirieren“, erzählt er. In diesem Jahr waren acht verschiedene Flugzeuge dabei. Die Piloten stellen ihre Zeit und ihre Maschinen zur Verfügung und tragen ihre eigenen Kosten.
Für Joachim ist genau das etwas, was ihn immer wieder freut: dass sich Menschen finden, die einfach mitmachen. „Dass wir das jedes Jahr wieder neu auf die Beine stellen können, dass ich jedes Jahr wieder genügend Freiwillige habe, die mich unterstützen“, sagt er.
Erst einmal schauen – und dann abheben
Die Kinder werden von Fidelius bereits im Vorfeld auf den Tag vorbereitet. Sie erfahren, was ein Flugzeug ist, wie so ein Flug abläuft und was sie erwartet. Am Flugplatz wird dann genau eingeteilt, welches Kind mit welchem Flugzeug fliegt. Dann kommt der Moment, auf den alle gewartet haben.
Der Pilot nimmt sein Kind in Empfang, erklärt noch ein bisschen etwas über das Flugzeug und dann geht es los. Dabei geht es Joachim gar nicht darum, den Kindern eine kleine Unterrichtsstunde in Luftfahrt zu geben.
„Wir brauchen einen Motor, einen Propeller und der soll uns jetzt nach oben schleppen“, beschreibt er es ganz einfach. Und dann hebt das Flugzeug ab.
Manche Kinder sind noch etwas vorsichtig, andere können es kaum erwarten. Manche möchten unbedingt gemeinsam mit einem Freund oder einer Freundin fliegen. Und natürlich gehören die Handys mit ins Flugzeug. Denn hinterher sollen die Kinder etwas mit nach Hause nehmen können: Fotos, Erinnerungen und vielleicht das Gefühl, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.
Einmal Himmel und zurück
Der Satz „Einmal Himmel und zurück“ stammt von der Trauergruppe selbst. Vor einigen Jahren schenkten die Kinder den Piloten ein Bild mit diesem Motto.
Als Joachim mir davon erzählt, wird mir bewusst, wie viel in diesen vier Worten steckt.
Vor einigen Jahren bekam ich zu meinem Geburtstag einen Flug mit einem Gyrokopter geschenkt. Einen Tag zuvor war meine Oma gestorben, an der ich sehr gehangen habe. Ich erzählte dem Piloten davon und davon, dass ich deshalb noch ziemlich angefasst war. Er sagte: „Wir setzen uns erst einmal rein und schauen.“
Also stieg ich ein. Und als wir schließlich abhoben, hatte ich plötzlich diesen Gedanken:
Jetzt bringe ich Omimi nach oben.
Ein Kind, das einen geliebten Menschen verloren hat, stellt sich den Himmel vielleicht noch einmal ganz anders vor als ein Erwachsener. Mama ist jetzt da oben. Papa ist da oben. Oma ist da oben. Und plötzlich sitzt man selbst in einem Flugzeug und ist diesem Himmel für einen Moment ganz nah.
Natürlich kann ein Flug keine Trauer nehmen. Aber vielleicht kann er einen kleinen, schönen Moment schaffen. Eine Erinnerung, die bleibt.
Ein Herzenswunsch
In diesem Jahr gab es einen Moment, der Joachim besonders im Gedächtnis geblieben ist. Ein Teilnehmer aus der Trauergruppe war auf einen Rollstuhl angewiesen, konnte aber noch selbstständig in ein Flugzeug einsteigen. Gemeinsam mit einem seiner Kinder konnte er noch einmal fliegen.
Joachim erzählt, wie ruhig und einfühlsam der Pilot den Flug begleitet hat. Man habe dem Fluggast deutlich angesehen, wie viel ihm dieser Flug bedeutet habe.
„Da merkte man richtig, dass das so ein Herzenswunsch auch war von ihm, noch mal irgendwie so was zu erleben“, erzählt Joachim. Es sind solche Momente, die bleiben. Nicht die Flugzeit. Nicht das Flugzeugmodell. Sondern das Gesicht eines Menschen nach der Landung.
Nicht jeder Wunsch kann erfüllt werden
So schön die Idee des Kinderfliegens ist – manchmal stößt auch sie an Grenzen.
Joachim erinnert sich an ein Mädchen, das unbedingt mitfliegen wollte. Sie lag in einem speziellen Bett und konnte nicht sicher in eines der kleinen Flugzeuge gebracht werden. Die Entscheidung fiel schwer. Ihre Geschwister konnten fliegen, sie selbst nicht.
Auch das gehört zu einem solchen Tag: ehrlich zu sein und zu wissen, was möglich ist – und was nicht. Bei einem kleinen Flugzeug ist eben nicht alles machbar. Gerade bei Kindern oder Erwachsenen mit schweren körperlichen Einschränkungen müssen die Piloten genau überlegen, ob ein sicherer Ein- und Ausstieg möglich ist.
Umso schöner war es, dass in diesem Jahr ein Teilnehmer mit Rollstuhl fliegen konnte, weil er noch selbstständig einsteigen konnte.
Viele Menschen, ein gemeinsamer Tag
Damit das Kinderfliegen überhaupt stattfinden kann, braucht es viele Menschen. Piloten, die ihre Flugzeuge zur Verfügung stellen. Menschen, die Essen und Getränke organisieren. Helfer, die beim Ablauf unterstützen. Und natürlich jemanden, der all diese Dinge zusammenbringt.
Max Leibniz von der Gastronomie „Hey Lü“ am Flugplatz und Dennis Weselow unterstützten dankenswerterweise die Veranstaltung unter anderem mit Essen, Getränken und einer Hüpfburg.
Für die Kinder selbst ist der Tag kostenlos.
Und dann ist da noch Petrus.
Denn auch in diesem Jahr spielte das Wetter nicht ganz problemlos mit. Zwei Regenschauer sorgten zwischendurch für eine Pause. Die Flugzeuge blieben am Boden, bis es wieder weitergehen konnte. Für Joachim gehört auch das dazu.
Was von einem solchen Tag bleibt
Nach dem Kinderfliegen werden Fotos verschickt. Die Kinder nehmen ihre Erinnerungen mit nach Hause. Und auch bei den Piloten bleibt etwas.
Für Joachim ist es vor allem die Gemeinschaft. Die Menschen, die er ansprechen kann und bei denen er weiß: Auf die kann ich mich verlassen.
„Wenn man mit vielen Menschen zusammen ist, dann weiß man, auch wenn man sich verlassen kann, wer auch sofort sagt: Ich komme.“
Das ist wohl überhaupt das Besondere an dieser Geschichte. Es braucht keine große Bühne. Keinen kommerziellen Veranstalter. Es braucht Menschen, die etwas von sich geben: ihre Zeit, ihre Flugzeuge, ihre Energie. Und Menschen wie die Mitarbeiter von Fidelius, die sich um Kinder kümmern, die gerade etwas sehr Schweres erleben.
„Es geht ja auch um keinen Kommerz oder irgendwas“, sagt Joachim. „Alles andere ist menschlich.“
Und das ist vielleicht die Geschichte hinter dem Kinderfliegen.
Ein Kind steigt in ein Flugzeug. Der Motor springt an. Der Propeller dreht sich. Das Flugzeug hebt ab.
Für einen kurzen Moment wird der Alltag kleiner. Vielleicht geht der Blick nach unten. Vielleicht nach oben. Vielleicht zu den Wolken.
Und vielleicht ist ein Mensch, der schmerzlich vermisst wird, für diesen einen Moment ein kleines bisschen näher.
Einmal Himmel und zurück.
Auch im kommenden Jahr soll es weitergehen. Die Kinder in der Trauergruppe wechseln. Neue kommen hinzu, andere verabschieden sich.
Was bleibt, ist die Idee. Und hoffentlich wieder viele Piloten am Flugplatz Rotenburg, die sagen:
„Ich bin dabei!“







