Von der Idee, bis zur fertigen TV-Reportage

Im Gespräch mit TV-Produzent Jörg Hinners

Ein Café in Sittensen. Zwei Menschen, die sich vorher noch nie begegnet sind. Auf dem Tisch steht Kaffee, ein Glas Wasser, dazu ein Handy, das unser Gespräch mitschneidet.

Ich treffe mich mit Jörg Hinners für meine Reihe „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“. Er ist TV-Produzent und arbeitet seit Jahrzehnten in der Fernsehbranche. Was genau hinter diesem Beruf steckt, weiß ich vorher selbst nur ungefähr.

Das ändert sich ziemlich schnell.

Jörg erzählt. Nicht zögerlich und nicht in kurzen, abgehackten Antworten, sondern so, als würden wir uns schon länger kennen. Er nimmt mich mit in seinen Arbeitsalltag: in die Recherche nach Geschichten, in die Suche nach Menschen, die diese Geschichten erzählen können, in Telefonate mit Sendern und in die vielen kleinen und großen Entscheidungen, die getroffen werden müssen, bevor überhaupt eine Kamera läuft.

Und mir wird klar: Eine Fernsehreportage beginnt nicht mit dem Fallen der "Klappe".

Sie beginnt viel früher. Manchmal mit einer Beobachtung, einem Zeitungsartikel oder einer Idee. Manchmal mit einem Menschen, bei dem Jörg denkt: Das könnte eine Geschichte sein. Dann beginnt die Recherche. Es werden Gespräche geführt, Informationen gesammelt, Protagonisten gesucht und schließlich ein Exposé für den Sender geschrieben.

Und dann heißt es warten.

Denn selbst wenn Jörg von einer Geschichte überzeugt ist, bedeutet das noch lange nicht, dass sie tatsächlich im Fernsehen landet. Immer wieder werden Themen abgelehnt. Manchmal nach kurzer Recherche, manchmal erst nachdem bereits sehr viel Arbeit darin steckt. Jörg spricht erstaunlich offen darüber, wie frustrierend das sein kann – und wie viel Vorleistung in seinem Beruf steckt.

Während er erzählt, merke ich: Ich habe mir den Beruf eines TV-Produzenten bisher deutlich einfacher vorgestellt. Denn das, was der Zuschauer später als fertige 30-minütige Reportage sieht, ist nur das sichtbare Ende eines sehr viel längeren Prozesses. Und dieser Prozess kann Monate dauern.

Jörg erzählt von einem Thema über ein Übergangshaus in Berlin. Die Einrichtung musste zunächst überzeugt werden, anschließend mussten Menschen gefunden werden, die bereit waren, sich begleiten und filmen zu lassen. Erst dann konnte der Vorschlag beim Sender eingereicht werden. Die Antwort: abgelehnt. Die Protagonisten seien zu alt für das Format.

Wochen oder Monate Arbeit – und am Ende nichts, was sich senden lässt.

„Man muss eine hohe Frustrationstoleranz haben“, sagt Jörg. Und ich habe das Gefühl, dass genau darin eine der größten Herausforderungen seines Berufs liegt: mit Absagen leben zu können, ohne sie persönlich zu nehmen.

Denn Jörg ist es gewohnt, in Vorleistung zu gehen. Er fährt zu Menschen, führt Gespräche, recherchiert, schreibt Exposés und entwickelt Ideen. Manchmal kommt ein Auftrag daraus. Manchmal eben nicht.

Dabei ist er längst nicht mehr nur auf der Suche nach der nächsten Fernsehgeschichte. Er beobachtet seine Umgebung, liest, hört zu und bleibt neugierig.

Ein Beispiel dafür ist ein Krankenhaus. Ein Angehöriger war dort zweimal in Behandlung. Während eines Besuchs fiel Jörg auf, wie groß das Krankenhaus ist. Er begann zu recherchieren, schaute sich an, was dort gemacht wird, und nahm schließlich Kontakt zur Pressestelle auf. Aus dieser persönlichen Beobachtung entstand die Idee für eine Reportage über die Notaufnahme.

So funktioniert sein Beruf: Eine Geschichte kann überall beginnen.

In einer Zeitung. In einem Gespräch. Bei einem Besuch im Krankenhaus. Oder einfach mit dem Gedanken: Das könnte interessant sein. Und dann beginnt die eigentliche Arbeit.

Jörg muss überlegen, welche Perspektive für einen Sender interessant sein könnte. Er muss Menschen finden, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen. Er muss Autorinnen und Autoren, Kameraleute und Cutter organisieren. Und irgendwann müssen alle Beteiligten zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Denn auch ein Drehtag selbst ist keineswegs so unkompliziert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Jörg beschreibt sich dabei ein bisschen als „Dompteur“. Er muss die Menschen vor der Kamera bei Laune halten, gleichzeitig das Kamerateam im Blick behalten und darauf achten, dass niemand irgendwann völlig erschöpft oder genervt ist. Gerade weil die Teams häufig wechselnd zusammengestellt werden, kommen ganz unterschiedliche Menschen und Befindlichkeiten zusammen.

Und manchmal dauert so ein Drehtag sehr lange. 17 Stunden unterwegs zu sein, ist keine Seltenheit. Das möchte Jörg heute allerdings nicht mehr. Nicht, weil ihm die Arbeit keinen Spaß mehr macht. Sondern weil er inzwischen weiß, was er sich körperlich noch zumuten möchte.

Sicher ist das auch eine der Veränderungen, die mit den Jahren kommen: Man weiß genauer, was man kann – und ebenso, was man nicht mehr muss. Denn Jörg ist seit 1990 in der Fernsehbranche.

Seinen Einstieg verdankt er einer Begegnung, die beinahe zufällig wirkt. Nach seiner Magisterprüfung stellte er sich bei Premiere in Hamburg vor. Eigentlich wollte er dort als Assistent arbeiten. Der Geschäftsführer fragte ihn stattdessen, warum er nicht ein Volontariat mache.

Jörg sagte: „Ja gerne, mache ich sofort.“

Und damit begann eine Fernsehkarriere, die ihn unter anderem zu Premiere und für 19 Jahre zu Spiegel TV führte, bevor er sich schließlich mit seinem heutigen Kompagnon selbstständig machte. 35 Jahre Fernsehen. Das bedeutet auch: eine Menge Geschichten. Irgendwann frage ich Jörg, was ihm aus all den Jahren besonders in Erinnerung geblieben ist.

Seine Antwort führt uns nach Moskau.

Anfang der 1990er-Jahre arbeitet Jörg noch bei Premiere. Für ein Interview mit dem damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin reist er nach Moskau. Es ist eine bewegte Zeit – und während seines Aufenthalts spitzt sich die politische Situation immer weiter zu.

Schließlich rollen Panzer durch die Straßen.

Jörg erzählt, wie er gemeinsam mit dem Produktionschef so schnell wie möglich zum Flughafen muss. Links und rechts der Straße stehen Panzer, die Kanonen auf die Fahrbahn gerichtet.

Am Flughafen angekommen, wartet das nächste Problem: Sein Visum ist inzwischen abgelaufen.Jörg gibt seinen Pass am Schalter ab. Der Grenzbeamte nimmt ihn mit nach hinten.

Und dann beginnt das Warten. Doch Jörg wartet nicht einfach. Er weiß nicht, was jetzt passieren wird. Sein Pass ist weg, sein Visum abgelaufen – und gleichzeitig wird bereits sein Flug nach Düsseldorf aufgerufen.

Die Situation wird immer bedrückender. Was, wenn der Grenzbeamte ihm den Pass nicht zurückgibt? Was, wenn er nicht ausreisen darf? Was passiert mit ihm? Dann kommt der Beamte zurück.

Er gibt Jörg seinen Pass. Und sagt nur ein Wort: „Run.“ Jörg läuft.

Ich bin beeindruckt, als Jörg mir diese Geschichte erzählt. Nicht nur von dem Erlebnis selbst, sondern auch davon, wie klar er sich an diesen Moment erinnert. Ein Augenblick, in dem er nicht wusste, wie die Geschichte ausgehen würde – und in dem ein einziges Wort plötzlich alles verändert.

„Run.“

Mehr musste der Grenzbeamte offenbar nicht sagen.

Jörg schafft es zurück zum Flugzeug und fliegt nach Düsseldorf. Erst später, mit etwas Abstand, wird ihm vermutlich bewusst, wie knapp und ungewöhnlich dieser Moment eigentlich war.

Wenn man ihm zuhört, merkt man schnell, dass solche Erlebnisse für ihn nicht losgelöst von seinem Beruf stehen. Fernsehen bedeutet für ihn, nah an Menschen und an Geschichten zu sein. Und manchmal führt dieser Beruf eben an Orte und in Situationen, die weit über einen normalen Arbeitstag hinausgehen.

Heute, viele Jahre später, hat sich die Fernsehbranche allerdings stark verändert.

Als Jörg Anfang der 1990er-Jahre bei Premiere anfängt, sieht die Medienwelt noch völlig anders aus. Es gibt andere technische Möglichkeiten, andere Sehgewohnheiten – und vor allem längst nicht die Vielzahl an Sendern, Mediatheken und Streamingangeboten, die wir heute kennen. Jörg hat diesen Wandel über Jahrzehnte miterlebt.

Und trotzdem ist eines gleich geblieben: Am Anfang steht die Geschichte. Die Frage ist nur, welche Geschichten heute noch erzählt werden können. Denn die Anforderungen der Sender sind gestiegen, Budgets werden knapper und gleichzeitig müssen Produktionen immer schneller und effizienter werden. Jörg erlebt, dass sich auch die Art verändert, wie über Themen entschieden wird. Nicht nur die Geschichte selbst zählt, sondern zunehmend auch die Frage, für wen sie interessant sein könnte und wo sie später ausgespielt wird.

Und dann kommt ein Thema zur Sprache, das inzwischen auch in seinem Arbeitsalltag angekommen ist:

Künstliche Intelligenz.

Dabei erzählt Jörg nicht abstrakt von irgendwelchen Zukunftsszenarien. Er berichtet von Dingen, die längst funktionieren.

Bei einer Reportage über Schwimmbäder mussten beispielsweise die Gesichter von Menschen unkenntlich gemacht werden, die nicht gefilmt werden wollten. Eine Aufgabe, die früher enorm viel Zeit gekostet hätte. Mithilfe einer eigens entwickelten KI konnten schließlich rund 300.000 Gesichter automatisch erkannt und verpixelt werden.

Noch faszinierender finde ich eine andere Geschichte.

Eine Sprecherin hatte ihren Text bereits eingesprochen. Erst später wurde ein Fehler entdeckt. Die Sprecherin war inzwischen nicht mehr vor Ort.

Früher hätte das bedeutet: Sie muss noch einmal ins Studio. Heute kann man ihre Stimme mithilfe von KI nachbilden. Der korrigierte Satz wurde mit ihrer künstlich erzeugten Stimme neu eingesprochen – und damit war das Problem gelöst.

Jörg erzählt das nicht begeistert im Sinne von „Schaut mal, was alles möglich ist“. Vielmehr wird deutlich, dass ihn die Entwicklung auch nachdenklich macht.

Denn wenn eine Stimme künstlich erzeugt werden kann, stellt sich zwangsläufig die Frage, wo die Grenze zwischen technischer Hilfe und Manipulation liegt.

Und diese Frage dürfte die Medienbranche in den kommenden Jahren noch ziemlich intensiv beschäftigen.

Und genau da wird unser Gespräch noch einmal grundsätzlicher.

Denn bei aller Technik, die inzwischen möglich ist, bleibt für Jörg eine Sache entscheidend: Eine gute Reportage braucht Menschen.

Menschen, die etwas zu erzählen haben. Menschen, die für etwas brennen. Menschen, bei denen man als Zuschauer merkt, dass einem ihr Thema nicht egal ist.

Für Jörg muss eine gute Reportage deshalb vor allem zwei Dinge schaffen: Sie soll unterhalten und gleichzeitig informieren. Und sie soll Menschen zeigen, die mit Leidenschaft bei der Sache sind.

Das klingt zunächst selbstverständlich. Wenn man Jörg aber eine Weile zuhört, merkt man, wie viel Arbeit darin steckt, genau diese Menschen und Geschichten überhaupt erst zu finden.

Vielleicht ist das der Teil seines Berufs, den ich an diesem Vormittag im Café am meisten verstanden habe.

Ein TV-Produzent sitzt nicht einfach irgendwo und entscheidet, was am nächsten Tag im Fernsehen läuft. Er muss neugierig bleiben. Er muss beobachten, Fragen stellen und immer wieder neue Ideen entwickeln. Er muss Menschen für eine Geschichte gewinnen und gleichzeitig Sender davon überzeugen, dass genau diese Geschichte erzählt werden sollte.

Und er muss mit Rückschlägen umgehen können.

Denn selbst eine Geschichte, von der er überzeugt ist, kann am Ende verschwinden, bevor sie überhaupt vor der Kamera stattfindet. Jörg hat das in seinem Berufsleben unzählige Male erlebt. Trotzdem spricht er nicht verbittert darüber. Im Gegenteil. Während unseres Gesprächs spüre ich immer wieder diese Neugier auf neue Themen und neue Menschen.

Wir sitzen eigentlich in einem Café in Sittensen, um über einen Beruf zu sprechen.

Am Ende sprechen wir über Geschichten, Zufälle, mutige Entscheidungen, technische Veränderungen und darüber, was Menschen interessant macht. Und ich merke, dass sich meine ursprüngliche Frage verändert hat.

Was macht ein TV-Produzent eigentlich den ganzen Tag?

Er sucht Geschichten.

Aber vielleicht sucht er dabei vor allem eines: den Moment, in dem eine Geschichte es wert ist, erzählt zu werden.

Und genau damit schließt sich für mich der Kreis zu meiner Reihe „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“.

Denn genau darum geht es mir bei Landverbindet: hinter die Berufsbezeichnung zu schauen, Menschen kennenzulernen und herauszufinden, was sie antreibt.

Bei Jörg Hinners habe ich dabei nicht nur einen Einblick in einen Beruf bekommen, sondern auch in eine Welt, die wir normalerweise nur von der anderen Seite des Bildschirms sehen.

Als wir uns schließlich verabschieden, denke ich noch einmal an den Anfang unseres Gesprächs zurück.

Wir hatten zunächst in einer eher ruhigen Ecke des Cafés gesessen. Doch irgendwann war um uns herum plötzlich Leben: fröhliches Kindergeschrei, Stimmen, Bewegung.

Und trotzdem fühlte es sich an, als säßen wir auf einer kleinen Insel.

Abgeschirmt von allem, was um uns herum passierte, vertieft in unser Gespräch. Zwei Menschen, die sich vorher noch nie begegnet waren und sich trotzdem so selbstverständlich unterhielten, als hätten sie sich schon länger etwas zu erzählen.

Doch Jörgs Leben besteht längst nicht nur aus Fernsehen. 

„Portugal stand sehr, sehr lange auf unserer Liste für ein Leben nach der Arbeit."

Dort hat Jörg ein kleines, hübsches Bed & Breakfast in Alte aufgebaut. Ein Ort, der damit schon heute ein Stück von dem Leben zeigt, das für Jörg auch jenseits des Fernsehens vorstellbar ist.

Und er freut sich auf Gäste, die das kleine, hübsche Dorf mit Wasserfall und Quellwasser-Pool besuchen.“

Nur mit der Sprache sei es so eine Sache, gibt Jörg verschmitzt zu.

Neben den wundervollen Stränden und der schönen Landschaft hat es ihnen vor allem die liebenswürdigen Menschen angetan.

 

Vielleicht ist genau das der besondere Moment solcher Begegnungen.

Man setzt sich zusammen, um ein paar Fragen zu stellen – und geht am Ende mit viel mehr nach Hause.

Ich habe an diesem Vormittag nicht nur erfahren, was ein TV-Produzent eigentlich den ganzen Tag macht. Ich habe einen Menschen kennengelernt, der seit mehr als drei Jahrzehnten Geschichten sucht, Menschen begleitet und immer wieder neugierig auf das ist, was hinter einer Geschichte steckt.

Und manchmal findet (m)eine  Geschichte ganz unspektakulär in einem Café in Sittensen ihren Anfang.


 

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